Das ewige Problem mit den Löhnen

Mittlerweile existiert ein aktuellerer Artikel, der sich ausführlich mit dem Thema der Löhne auf Kuba befasst.

Der Durchschnittslohn in Kuba betrug laut den neulich veröffentlichten Zahlen des Statistikamtes (ONE) 455 Pesos im Jahr 2011, das entspricht nach dem gängigen Wechselkurs von Peso Nacional in Dollar (24:1) ziemlich genau 19 US$. Eine erschreckend niedrige Zahl, wird sich der geneigte Leser möglicherweise denken, denn in Bulgarien beispielsweise, einem EU-Land mit vergleichbarem BIP pro Kopf, beträgt der monatliche Durchschnittslohn 350€, das entspricht 445US$. Damit sind die Löhne Bulgariens durchschnittlich 23 Mal höher als in Kuba. Warum aber belegt Kuba trotz dieser krassen Unterschiede im Reallohn beim HDI den 51. Platz, Bulgarien allerdings „nur“ den 55.? Die Antwort findet sich in der Betrachtung des kubanischen Gesellschaftssystems: Die Aussagekraft des Lohnes in Kuba ist stark begrenzt aufgrund der umfangreichen staatlichen Sozialleistungen, die man in der DDR auch als „zweite Lohntüte“ bezeichnet hat. Neben dem kostenlosen Bildungssystem ist auch ärztliche Versorgung vom Staat garantiert, ebenso wie die Libreta, das System der monatlichen Lebensmittelrationierung zu stark subventionieren Preisen. Da die meisten Kubaner selbst Eigentümer ihrer Wohnungen bzw. Häuser sind und die wenigen Mieter kaum mehr als 10-15 Peso Miete zahlen, fällt hier ein zusätzlicher Lohnminderungsfaktor weg. Diese Leistungen dürfen niemals außer Acht gelassen werden, wenn man sich über die scheinbar extrem niedrigen Löhne in Kuba wundert, denn sie relativieren manches. In der kubanischen Wirtschaft wird im Bereich des Peso Nacional, also der „normalen“ Währung, in der auch die Löhne ausgezahlt werden, stark mit Subventionen gearbeitet.

Soweit so gut, doch was kann man sich mit 455 Pesos in Kuba leisten? Wenig. Da die meisten Konsumgüter nicht im Land selbst gefertigt werden und teuer importiert werden müssen, werden diese in Peso Convertible, der 2004 eingeführten Devisenwährung die als Nachfolgerin des 1993 legalisierten US-Dollars fungiert, verkauft. Diese ist seit 2011 wieder mit einem Kurs von 1:1 an den US-Dollar gekoppelt, nachdem sie im Jahr 2005 leicht aufgewertet worden war um Importe zu erleichtern. Zugriff auf Devisen haben allerdings nur eine Minderheit der Kubaner, die meisten davon arbeiten im Tourismus oder erhalten Zuwendungen ihrer Verwandten im Ausland (Laut einer aktuellen Umfrage des IRI sind dies allerdings nur 15-20% der Kubaner und nicht weit mehr als die Hälfte, wie oftmals in den Medien angegeben wird). Dennoch ist die Summe von über 2 Milliarden US$ beachtlich, die auf diesem Weg jährlich ins Land fließt.

Mit ihrem Durchschnittslohn können die Kubaner also in der Tat nicht viel anfangen, denn fast alles nicht-lebensnotwendige ist nur gegen Peso Convertible erhältlich. Die Ursache dieses gravierenden Problems liegt in dem ewigen Teufelskreis: Niedrige Produktivität -> niedrige Löhne -> niedrige Produktivität…
Aus diesem Kreislauf zu entkommen ist eines der mittelfristigen Ziele der Regierung, die mit der langsamen Aufwertung des Peso Nacional und der Erhöhung der Produktivität der Staatsbetriebe durch Freisetzung von 1,8 Millionen Staatsangestellten in den privaten bzw. genossenschaftlichen Sektor gegensteuert.

(Quelle: The Cuban Economy)

Nach dem Ende der Sowjetunion erfolgte in Kuba die sogenannte Periodo Especial, die Sonderperiode in Friedenszeiten. In dieser Phase, die ihren Höhepunkt in den Jahren 1991-1995 hatte, kam die kubanische Wirtschaft mit dem Wegfall all ihrer Haupthandelspartner (Und das war zu mehr als 50% die Sowjetunion, zu mehr als 20% die anderen RGW-Staaten) zum erliegen. Auf diese komplexe Thema soll hier nicht im Detail eingegangen werden, aber vom Aspekt der Löhne her waren drastische Einschnitte im Staatsbudget die Folge, eine Inflation entwickelte sich und binnen weniger Jahre schrumpfte die Kaufkraft der Kubaner um ein Vielfaches des Wertes von 1990 zusammen. Um soziale Verwerfungen zu vermeiden übernahm der Staat immer mehr Werktätige und schuf sich so einen „Kropf“ an überschüssigen Arbeitskräften, woraufhin die Produktivität sank und die Reallöhne nur sehr langsam wieder stiegen.

(Quelle: Emily Morris, Economist Intelligence Unit in London)

Erst um das Jahr 2005 wurde wieder das Produktivitätsniveau von 1990 erreicht. Derzeit fällt es allerdings schwer, die Produktivität weiter zu steigern, ohne die Anzahl der Arbeitskräfte in den Staatsbetrieben zu reduzieren. Durch die Möglichkeit der Selbstständigkeit entstanden nach dem VI. Parteitag 2011 neue Möglichkeiten für einen kleinen Privatsektors, um diese Überkapazitäten zu absorbieren. Denn die Löhne steigen zwar jährlich, allerdings wird dieser Lohnzuwachs oftmals von der Inflation relativiert, so dass es seit einigen Jahren kaum noch Reallohnzuwäche gibt, insbesondere seit den Hurricanes 2008 und der schwierigen wirtschaftliche Lage in den Jahren 2009-2010.

Die einzige Möglichkeit bleibt also, die Produktivität anzuheben um höhere Löhne auszahlen zu können und wirtschaftliches Wachstum zu ermöglichen. Erst dann ist die Vereinheitlichung der beiden Währungen möglich und die Kaufkraft der Kubaner nimmt deutlich zu. Dies kann allerdings nicht über Nacht geschehen, sondern ist ein langfristig angelegtes Projekt.

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