„Soy Cuba“ – Filmempfehlung zum Jahresende

Zum Ende des Jahres noch ein kleiner Filmtipp, den viele wahrscheinlich nicht kennen werden: „Soy Cuba“ (deutsch: „Ich bin Kuba“). Eine sowjetisch-kubanische Koproduktion vom Regisseur Michail Kalatosow aus dem Jahr 1964 die mit eindrucksvollen Bildern und innovativen Montagetechniken die kubanische Geschichte und Identität zu vermitteln versucht. Durch seine expressionistische Darstellung war der Film sowohl beim sowjetischen, als auch beim kubanischen Publikum unbeliebt und geriet zunächst bis zum Ende des Kalten Krieges in Vergessenheit. Schließlich wurde er Anfang der 1990er Jahre von Martin Scorsese und Francis Ford Coppola wieder entdeckt und restauriert. Auf Youtube gibt es ihn mit englischen Untertiteln zu sehen.

Ein beeindruckendes Zeitdokument aus einem Land im Umbruch.

Parlamentssitzung und Veränderungen zum Jahresende

Am 13. Dezember fand die letzte Sitzung des kubanischen Parlaments in der aktuellen Legislaturperiode statt. Hierbei wurde den Abgeordneten in aller Ausführlichkeit über die Beschlüsse des Ministerrats bericht erstattet und über Wege zur Umsetzung der anstehenden Veränderungen 2013 debattiert. Dabei trafen sich die Abgeordneten wieder in thematischen Komissionen, darunter beispielsweise solche für Wirtschaftspolitik, Medien, Umwelt und Bildung. In ihrem jeweiligen Themenbereich unterbreiteten die Abgeordneten der Nationalversammlung Vorschläge und erarbeiteten Lösungen in Form von neuen Gesetzen.

Nochmals große Veränderungen?

Im wesentlichen wurde durch die Sitzung nichts bekannt, was nicht auch schon auf der Sitzung des Ministerrats Anfang Dezember besprochen worden wäre, allerdings wurden einige der dort angesetzten Themen weiter präzisiert und inhaltlich erweitert. Zunächst einmal wurde jedoch das Wachstumsziel von 3,7% für das Jahr 2013 bekräftigt, als Marino Murillo die wesentlichen Fortschritte in der Implementierung der Leitlinien für die Wirtschafts- und Sozialpolitik des Landes vorstellte. In den einzelnen Kommissionen ging es dann vor allem um Detailarbeit, wobei auch einige interessante Fakten genannt und Pläne für das nächste Jahr vorgestellt wurden. Da die Berichterstattung zur Sitzung derart umfangreich war, dass hier kaum auf alles im Einzelnen eingegangen werden kann sind die wichtigsten Punkte nachfolgendend stichwortartig zusammengefasst:

Raúl Castros Rede:

  • Raúl Castro hielt auf dem Abschlussplenum eine interessante Rede, in der er die Geschwindigkeit der Veränderungen in Kuba als gut bezeichnet, auch gab er dem ganzen Prozess erstmals ein konkretes Ziel: Die Errichtung einer „nachhaltigen und wohlhabenden sozialistischen Gesellschaft“.
  • Als bedeutendste hemmende Faktoren hob Raúl die Planlosigkeit von Investitionen, verspätete Lieferungen von Ressourcen, niedrige Produktivität und fehlende Arbeitskräfte hervor, weshalb selbst gesteckte Zeitpläne immer wieder nicht eingehalten werden könnten.
  • Die Reduzierung der Auslandsschulden und die Aufwertung der Kreditwürdigkeit Kubas wurde als Ziel genannt.
  • Als wesentliche Veränderungen für das kommende Jahr fasst Raúl Castro zusammen: Das neue Steuergesetz, die Bildung experimenteller Genossenschaften und die Erprobung moderner Managementmethoden in den großen Staatsbetrieben.
  • Auch auf politischem Gebiet sprach Raúl die wichtigsten Entwicklungslinien an: Kuba bekräftigt seine Dialogbereitschaft mit den USA, desweiteren hob er die Verbesserungen für die Menschen durch die neuen Reisegesetze vom Oktober hervor, die Januar 2013 in Kraft treten. Auch der Gesundheitszustand von Chávez war ein Thema über das man natürlich in Kuba besonders besorgt ist. Aus diesem Grund sandte das Parlament auf Initiative eines Abgeordneten auch Genesungswünsche an das Staatsoberhaupt.

Sonstige Beiträge:

  • Derzeit gibt es in Kuba 1.732 private Restaurants (was etwa 20% aller Restaurants entspricht), erklärte der kubanische Tourismusminister Manuel Marrero. Die meisten davon befinden sich in Havanna, Trinidad und Viñales und bieten vor allem höherwertigen Service an.
  • Außerdem gibt es in Kuba derzeit 4.288 privat vermietete Zimmer (sog. Casa Particulares).
  • Der Minister für Information und Kommunikation, Maimir Mesa Ramos, gab bekannt, dass nächstes Jahr an der Verbesserung des kubanischen Fernsehens gearbeitet werden wird, um attraktivere Programme insbesondere für Jugendliche zu erstellen.
  • Auch die „soziale Nutzung“ des Internets soll gesteigert werden. Die Qualität des Handynetzes wird ausgebaut werden, ebenso sollen sich die Kosten für Netzdienstleistungen wie SMS und Ferngespräche ab nächstem Jahr reduzieren. In diesen Kontext passt auch eine aktuelle Meldung, die exemplarisch das Wachstum und den Investitionsbedarf in diesem Sektor darstellt: Gab es im Jahr 2004 in der Provinz Pinar del Río gerade einmal 1.200 Handynutzer und einen (!) Masten, so sind es heute 50.000 (Festnetz: 54.600). Um flächendeckende Netzversorgung zu garantieren, stehen 24 Handymasten in der Provinz.
  • Marino Murillo, der für die Überwachung der Reformen zuständige Minister, hielt am 14. Dezember ein wichtiges Referat in dem er die Neuerungen in der Wirtschaft zusammenfasste. Wesentliche Punkte seien nachfolgend genannt:
    • Die Veränderungen in den Jahren 2013-14 werden die wichtigsten und tiefgreifendsten sein.
    • Derzeit werden die theoretischen Grundlagen für das neue Gesellschaftsmodell entwickelt, was auch die Entwicklung neuer Indikatoren zur Leistungsmessung der Wirtschaft einschließt.
    • Auf dem Gebiet der Makroökonomie gab es Fortschritte bei der Kontrolle der Geldmenge durch neue Methoden zur Steuerung der Großmarkt- und Einzelhandelspreise.
    • Murillo berichtet von Fortschritten bei Studien zur Vereinheitlichung der beiden Währungen CUP und CUC.
    • Ein großes Problem sei dabei der Wechselkurs: Während er zwischen dem Staat und seinen Unternehmen 1:1 liegt, tauscht die Bevölkerung 1:25.
    • Dies müsse gelöst werden, weil durch das neue Steuergesetz auch Steuern in beiden Währungen möglich sind, was die Situation noch undurchsichtiger macht.
    • Desweiteren hob Murillo die Bedeutung des neuen Steuergesetzes hervor, das ab Januar 2013 in Kraft treten wird. Dieses ermöglicht es, den Steuersatz flexibel anzupassen ohne jedes Jahr das Gesetz modifizieren zu müssen.
    • Die Schaffung von 230 nicht-landwirtschaftlichen Kooperativen im nächsten Jahr sieht er als großen Fortschritt an, hob allerdings hervor dass einige von ihnen in CUP, andere in CUC wirtschaften werden.
    • Künftig müssen Fortschritte bei der Schaffung von Genossenschaften gemacht werden, die sich um die Instandhaltung und den Bau von Wohngebäuden kümmern. Wichtig sei auch, dass diese keiner Behörde untergeordnet sind und allein von ihren Mitgliedern geleitet werden, um nicht die Fehler der UBPCs zu wiederholen.
    • Murillo hob die Bedeutung des sozialistischen Staatsunternehmens als wesentliche Form des ökonomischen Eigentums hervor. Um deren Bedeutung zu stärken, beginnt ab nächstem Jahr ein Experiment mit neuen Managementmethoden, die eine Steigerung ihrer Autonomie vorsehen. Ziel ist es, dass sich die Unternehmen selbst mit Kapital versorgen können um so die Basis für steigende Löhne zu schaffen.
    • An dem Experiment nehmen 2013 zunächst die staatliche Zuckergesellschaft „Azcuba“, die Gruppe der biotechnologischen und pharmazeutischen Industrien „BioCubaFarma“ und eine Garnelenfarm teil. BioCubaFarma ist auch deshalb interessant, weil es sich hierbei um eine neu geschaffene für den Export arbeitende Unternehmensgruppe handelt, bestehend aus 38 Subunternehmen im Bereich der Produktion (16), Verkauf (19) sowie Dienstleistungen (3) im medizinischen Bereich. Die ehemals vom Staat finanzierten Einzelunternehmen verfügen jetzt über ein eigenes Budget und arbeiten nach einem von der Unternehmensgruppe ausgearbeiteten Jahresplan. Durch die Verzahnung von Forschung, Produktion und Verkauf von medizinischen Produkten und Dienstleistungen sollen Synergieeffekte entstehen. In der Granma wurde neulich ausführlich darüber berichtet.
    • Ein weiteres Gebiet von Änderungen wird die Verbindung zwischen den Staatsunternehmen und dem Staatshaushalt sein. Diese werden künftig statt einer „Umlaufsteuer“ (span. impuesto de circulación) ihre Steuern nach Verkäufen entrichten.
    • Die 2012 gestartete Kreditvergabe an Privatpersonen macht derweil Fortschritte: Bisher profitierten über 85.000 Personen von den Krediten, deren Wert insgesamt 600 Mio. Pesos (~ 24 Mio. US$) beträgt. 91% kamen dem Erwerb von Baumaterialien zu Gute. Die Ausweitung der Kreditvergabe wird derzeit ebenso überlegt wie weitere Formen des nicht-staatlichen Managements, wobei noch nichts konkretes bekannt gegeben wurde.
    • Die Ausweitung der Selbstständigkeit steht ebenfalls für nächstes Jahr auf dem Programm. Damit sollen auch Unklarheiten in der Lizenzvergabe beseitigt werden. Beispielsweise gibt es heute Cuentapropistas, die offiziell unter Schneiderlizenz arbeiten, aber in Wirklichkeit illegal importierte Kleidung verkaufen. Um dem vorzubeugen wird die Definition dieser Berufsgruppe dahingehend präzisiert, dass sie auch die Verarbeitung von Kleidern als notwendiges Merkmal beinhaltet. Ziel sei es, die Vergabe von Lizenzen zu flexibilisieren und gleichzeitig die Gesetze präziser zu fassen.
    • Staatliche Unternehmen können Privatbetriebe mit denen sie in Vertrag stehen nun auch in CUC bezahlen.
    • Folgende Berufe können ab 2013 auch von Selbstständigen ausgeübt werden: Immobilienmakler, Reparateur von Vermessungsinstrumenten, Einzelhändler für landwirtschaftliche Produkte, Verwalter von Mietwohnungen, Verkäufer von Postkarten und Antiquitäten.
    • 2013 werden auch erstmals Großmärkte eingerichtet, wobei diese zunächst noch provisorisch sein werden. Zugang werden sowohl Einzelpersonen wie Selbsständige als auch Genossenschaften erhalten. Für den Einkauf im Großmarkt wird es keine Kredite geben. Seit kurzem scheint es schon einen Großmarkt in Havanna zu geben, der allerdings nur Nachts geöffnet hat.
    • Am Ende ging Murillo noch auf die demographische Situation Kubas ein: Im Jahr 2025 werden in Kuba mehr Menschen sterben als geboren werden, bereits 2021 werden mehr die Arbeitsphäre verlassen als neu hinzukommen.
    • Da es nicht möglich sein wird, Altenheime im großen Stil in allen Provinzen einzurichten, existiert bereits ein Plan mit 30 Maßnahmen zur Abschwächung des Problems, wobei dieser erst am Anfang steht.
    • Die Subventionen für den Bau von Häusern werden ebenfalls erweitert: Künftig können die ersten 25 m² vom Staat subventioniert werden, desweiteren wird auch der Transport von Baumaterialien subventioniert. In Erdbebengefährdeten Regionen wird es spezielle Zuschüsse geben.
    • Bisher wurden auf diesem Weg mehr als 7.000 Personen Subventionen im Wert von 200 Mio. Pesos (~ 8 Mio. US$) vergeben.
    • Ab 2013 wird im Rahmen eines Pilotprojekts auf der Insel der Jugend flüssiges Gas zu nicht-subventionierten Preisen frei erhältlich sein.
    • Derzeit gibt es in Kuba 6.405.000 Hektar kultivierbares Ackerland. Dies erwähnte Murillo in Zusammenhang mit der Erleichterung der Vergabe von Land für den Nießbrauch.
  • Am 22. Dezember traf Raúl Castro nochmals mit dem Ministerrat zusammen um einige Punkte der vorangegangenen Parlamentssitzung zu verfeinern und „bereits begangene Fehler nicht zu wiederholen“:
    •  Inés María Chapman Waugh, Vorsitzende des Nationalen Instituts für Wasserwirtschaft erklärte, dass jedes Jahr mehr Wasser aus den Brunnen entnommen wird als auf natürliche Weise wiederhergestellt werden kann.
    • Deshalb schlug sie vor, den Pro-Einheiten-Verbrauch von Wasser in den Volkswirtschaftsplan mit aufzunehmen, um diesen besser zu steuern.
    • Mit Blick auf den Klimawandel hob Raúl die Förderung von traditionellen Methoden der Wasserspeicherung wie Regenwassertanks hervor. Auch die Sensibilisierung der Bevölkerung durch die Medien und Schule für einen rationellen Umgang mit der Ressource wurde vorgeschlagen.
    • Salvador Pardo Cruz, der Leiter des neu geschaffenen Industrieministeriums, hob die Bedeutung von Recycling hervor das derzeit kaum in Kuba praktiziert wird.
    • In diesem Zusammenhang erwähnte er auch die experimentelle Schaffung von Genossenschaften zur Gewinnung von Rohstoffen und Durchführung von Recycling. Das Pilotprojekt hierzu läuft in der Provinz Artemisa und wird bei Erfolg auf das ganze Land ausgedehnt werden.
    • Die Zuckerernte konnte sich 2011/12 leicht verbessern, auch durch die Strukturen der 2011 entstandenen staatlichen Zuckerfirma „Azcuba“, die das Zuckerministerium ablöste.
    • Danach wurde viel von strukturellen Problemen und deren Lösung in diversen Ministerien und Betrieben gesprochen, wobei die Beiträge im Artikel sehr abstrakt wiedergegeben wurden und daher hier nicht im einzelnen genannt werden.
    • Am Ende hob Raúl die Notwendigkeit hervor in Bereiche zu investieren, die schnell Einnahmen erzielen sowie die Nahrungsproduktion zu steigern um Importe zu substituieren.

Dies waren die wesentlichen Neuigkeiten, welche die Parlamentssitzungen und die darauffolgenden Tagungen mit sich brachten. Grundsätzlich scheint sich das Tempo zu erhöhen, mit dem die 2011 beschlossenen Leitlinien umgesetzt werden, wohl auch mit Blick auf den unsicheren Gesundheitszustand des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, der sich derzeit auf Kuba in Behandlung befindet.

Derzeit bezieht Kuba rund 50% seiner Ölimporte aus Venezuela, der Wegfall dieser wichtigen Devisenquelle könnte eine Rezession nach sich ziehen, weshalb man in Havanna sicherlich darum bemüht sein dürfte, so schnell wie möglich „auf eigenen Füßen“ stehen zu können. Dafür wurden im Dezember die ersten Grundlagen gelegt, es wird nun darauf ankommen wie erfolgreich viele der Pilotprojekte verlaufen und wann sie auf das gesamte Land ausgedehnt werden können.

Die Wirtschaft Kubas 2012 – und was steht 2013 bevor?

Am Wochenende fand sich der Ministerrat Kubas zu einer Sitzung zusammen, in der die Performance der Volkswirtschaft für das Jahr 2012 analysiert und erste Ausblicke auf das Jahr 2013 gegeben wurden. So beträgt das Wirtschaftswachstum für dieses Jahr nach aktueller Prognose 3,1%, damit wurde das Ziel von 3,4% knapp verfehlt. Im wesentlichen sei das zu geringe Gesamtwachstum der schlechten Leistung des Bausektors geschuldet, urteilt Adel Yzquierdo Rodríguez, Vizepräsident des Ministerrats. Dennoch ist dies eine Steigerung im Vergleich zum Jahr 2011 in welchem das BIP um 2,7% anstieg.

Die kubanische Wirtschaft wächst derzeit in anderen Bereichen jedoch bewusst disproportional: Während die Sparten Gesundheit, Bildung, Kultur und Sport sowie soziale Absicherung auf einem ähnlichen Niveau wie 2011 bleiben, gab es ein Wachstum von 4,5%, wenn man diese Bereiche herausrechnet. Dies sei in Übereinstimmung mit dem Ziel der Förderung der Materialproduktion und der Steigerung der Effizienz der Sozialsysteme, sagte Rodríguez in seinem Bericht über die Wirtschaft. Für 2013 erwartet die Regierung einen Anstieg des BIP um 3,7%, auch die Staatseinnahmen sollen durch das neue Steuergesetz üppiger ausfallen. Ab nächstem Jahr werden in Kuba alle juristischen Personen einen gewissen Betrag an Steuern bezahlen, wobei landwirtschaftliche Genossenschaften vom Typ UBPC sowie selbstständig Beschäftigte für die kommenden Jahre gewisse Steuervorteile genießen werden um das Wachstum des Sektors zu stimulieren. Beispielsweise sind die seit Dezember von den Belegschaften gepachteten und ehemals vom Staat betriebenen Restaurants für die ersten 3 Monate von Steuern befreit und bekommen einmalig eine jährliche Steuerbefreiung, falls sie Sanierungsarbeiten am Objekt vornehmen. Dies ist Teil des langsamen Zurückfahrens direkter staatlicher Wirtschaftslenkung in der Gastronomie, aber auch anderen bereichen lokaler Dienstleistungen.

Soweit so gut – doch was wird sich noch im nächsten Jahr konkret verändern? Zunächst einmal wird es mehr Genossenschaften außerhalb der Landwirtschaft geben (derzeit laufen Pilotprojekte die künftig „in Serie“ gehen werden), der freie Verkauf von Überschüssen soll für ihre Entstehung ein begünstigendes Element sein. Zukunftig werden solche Dienstleistungsgenossenschaften in Kuba viele der staatlich betriebenen mittelständischen Unternehmen ablösen und ihre Abgaben wie Steuern und Miete direkt an die jeweiligen Provinzen entrichten um zur lokalen Entwicklung beizutragen. Dies geschieht unter der Zielvorgabe einer Ausdehnung des nicht-staatlichen Sektors bei gleichzeitig kleinem Privatsektor. Bis 2015 soll der nicht-staatliche Sektor 1,8 Millionen Beschäftigte aufnehmen, was knapp einem Drittel aller Arbeitskräfte Kubas entspricht. Doch zu diesem Sektor zählen auch Genossenschaften, die über ein eigenes Budget verfügen und demokratisch verwaltet werden, was die Konzentration von Eigentum und damit das Entstehen sozialer Ungleichheiten verhindert. Als autonome juristische Subjekte unterstehen sie keiner direkten staatlichen Planung, können aber mit dem Staat in Verbindung treten und mit ihm Verträge abschließen. So werden beispielsweise die gepachteten Restaurants künftig weitehrin Rum und Tabak vom Staat beziehen um die Preise für die Endverbraucher konstant zu halten. So bieten sich viele Möglichkeiten für die neuen Genossenschaften mit dem Staat zu interagieren und integraler Teil der sozialistischen Wirtschaftsstruktur zu werden. Ein interessanter Aufsatz über die aktuellen und künftigen Entwicklungen von Genossenschaften in Kuba findet sich hier.

In der ACN-Meldung (Englisch) zur Sitzung ist jedoch auch die folgende Passage bemerkenswert:

También a las empresas importadoras seleccionadas se les asignará una capacidad financiera para respaldar en el mercado la presencia de productos ampliamente solicitados.

Auch werden finanzielle Kapazitäten ausgewählten Importfirmen zugeteilt, um den Markt mit besonders nachgefragten Produkten zu versorgen.

Darunter lässt sich zunächst sehr viel verstehen, möglicherweise rechnet man bereits mit einer leichten Steigerung der allgemeinen Kaufkraft und versucht so das Sortiment der staatlichen Devisenläden zu erweitern, andererseits könnten auch Großhandelsprodukte gemeint sein, welche von den neuen Genossenschaften und Cuentapropistas weiterverarbeitet werden. Im Laufe des Jahres 2013 werden solche Großmärkte für Einzelpersonen und Unternehmen gleichermaßen zugänglich. In jedem Fall scheint eine Ausdehnung der Importkapazitäten derzeit ein Ziel mit Blick auf die kommenden Jahre zu sein.

Weiter geht aus dem Artikel hervor, dass auch die Staatsausgaben (durch die höheren Steuereinnahmen gedeckt) weiter steigen sollen, ein Großteil dieser Steigerung kommt nächstes Jahr durch Subventionen von Baumaterialien gezielt ärmeren Familien zu gute. Damit hätte man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Zum einen wird der Staat seiner sozialen Verantwortung gerecht, sich um die ärmsten zu kümmern – zum anderen wird dadurch die Bautätigkeit gefördert, was aufgrund der relativ niedrigen Investitionsquote dringend geboten ist.

Vizepräsident des Ministerrats Marino Murillo Jorge, der auch gleichzeitig die Umsetzung der Beschlüsse des VI. Parteitags überwacht, vermeldet desweiteren Fortschritte bei der Implementierung und erklärt, dass bereits umgesetzte Beschlüsse weiter verfeinert würden um sie den konkreten Gegebenheiten anzupassen. Die neu geschaffenen Provinzen Artemisa und Mayabeque, welche neue, experimentelle Verwaltungsstrukturen bekamen arbeiteten weiter an ihrer Verbesserung. Möglicherweise könnten diese seit 2011 erprobten, auf mehr Demokratie und lokale Entscheidungsfindung hin konzipierten Modelle bald in ganz Kuba Schule machen. Diese Pilotprojekte beinhalten auch die Ausstattung der Provinzregierungen mit eigenem Budget und autonomen Kompetenzen. Jose A. Rodriguez widmet dem Thema einen eigenen Artikel, welchen es hier zu lesen gibt.

Thema war auch die Cuentapropistas, die seit 2011 massiv gewachsene Gruppe der selbstständig Beschäftigten mit kleinen Dienstleistungs- oder Gastronomiebetrieben. Gab es 2010 lediglich 147.000, so wurden es bis Ende 2011 bereits 362.000. Geplant war allerdings eine Zunahme auf 500.000 bis Ende 2012. Um die Zahl der derzeit lediglich 395.000 Cuentapropistas zu erhöhen sollen die Bestimmungen für die Lizenz einer selbstständigen Beschäftigung weiter gelockert werden. Dies wird neben steuerlichen Erleichterungen auch eine Erweiterung der derzeit 181 Berufsgruppen für private Selbstständige bedeuten.

Ernesto Medina Villaveirán, Präsident der Zentralbank Kubas, stellte das langsame Absinken der beträchtlichen Auslandsschulden im Vergleich zum Dezember 2011 fest, dennoch seien auf diesem Feld noch intensivere Bemühungen von Nöten um die Schulden der einzelnen Unternehmen genauer erfassen zu können. Auch das nationale Statistikbüro ONE soll einer Umstrukturierung unterzogen werden um in Zukunft bessere und aktuellere Daten zu liefern. Hierzu soll die Schnittstelle zu den Provinzregierungen ausgebaut werden.

Am Ende gab der Bericht noch vorläufige Ergebnisse des Zensus bekannt: Derzeit leben 11.163.934 Menschen in 3.931.643 Wohneinheiten auf Kuba, was durchschnittlich 2,84 Bewohner pro Wohneinheit bedeutet. 50,09% der Kubaner sind männlich, 49,91% weiblich. Besonders interessant sind die Angaben zur demographischen Entwicklung: 18,3% der Kubaner sind demnach 60 Jahre oder älter, 18,4% zwischen 0 und 15 Jahren alt. Die größte Gruppe sind die 16 bis 59-jährigen mit 63,3% (Die Endergebnisse werden im Juni 2013 vorliegen). Damit ist Kuba auf einem ähnlichen demographischen Niveau wie andere entwickelte Staaten angelangt, was zunächst einmal ein erfreuliches Zeichen erfolgreicher Sozialpolitik ist. Denn der demographische Trend zur Überalterung wird durch Faktoren wie hohe Lebenserwertung und geringe Kindersterblichkeit begünstigt. Allerdings birgt dies auch wirtschaftliche Probleme bei der Finanzierung der sozialen Sicherung. Deshalb erhielt der Ministerrat den Auftrag Lösungsvorschläge zur Hebung der Geburten zu erarbeiten.

Insgesamt scheint sich ein leichter Aufschwung der kubanischen Wirtschaft abzuzeichnen, der in den nächsten Jahren noch an Dynamik gewinnen könnte. Denn in den Jahren 2013/14 sollen Marino Murillo zufolge die wichtigsten Beschlüsse des Parteitags umgesetzt werden. Auch mit mehr Joint-Ventures darf bis dahin gerechnet werden, schließlich steht zu dieser Zeit auch die Fertigstellung des Hafenausbaus von Mariel samt Sonderwirtschaftszone bevor, womit Kuba über einen der größten Containerhäfen der Karibik verfügen wird. Die weitere Entwicklung der Zusammenarbeit mit der brasilianischen Firma Odebrecht, die aktuell auch bei einem Pilotprojekt zur Modernisierung der Zuckerindustrie beteiligt ist könnte nächstes Jahr ebenfalls von Interesse sein.
Bemerkenswert ist aber nicht nur der eigentlicht Inhalt der Sitzung, sondern auch die Ausführlichkeit mit der über die bisherigen und geplanten Veränderungen berichtet wurde. In vergangenen Dekaden verlief die Umsetzung der Parteitagsbeschlüsse oft nur schleppend, teilweise wurden sie verworfen bevor sie zu Gesetzen werden konnten. Deshalb wurde auf dem VI. Parteitag 2011 eine interne Kontrollkomission eingeführt, die die Umsetzung der Beschlüsse bis zum nächsten Parteitag überwacht. Diese scheint ihre Arbeit auch erfolgreich zu erledigen, zumindest erstattet sie bei jeder Ministerratssitzung detailliert Bericht und die Arbeit der einzelnen Organe liegt offenbar im Zeitrahmen. Vom politischen Standpunkt aus steht der Erneuerung der Wirtschaft also nichts im Wege, nun müssen allerdings die angegangenen Konzepte greifen und neue Strukturen geschaffen werden. Diese „kritische Phase“ steht wohl in den kommenden 3 Jahren beginnend mit 2013 bevor, in der sich die wirtschaftliche Struktur tatsächlich in größerem Umfang ändert. Die Steigerung der Lebensmittelproduktion um Importe zu substituieren wird wesentlich zum Erfolg des Unterfangens beitragen müssen, denn für Kubas künftige wirtschaftliche Prosperität ist eine Erholung des Landwirtschaftssektors unabdingbar. Gerade dort zeichnet sich derzeit ein Preisanstieg für Lebensmittel ab, was auf die fortdauernden Schwierigkeiten in der Landwirtschaft schließen lässt. Dies deutete auch Raúl Castro während der Sitzung an, als er darauf hinwies, dass gerade für Nahrungsmittelimporte aufgrund mangelnder Planerfüllung immer zusätzliche Millionen ausgegeben werden müssten. Ob das neue UBPC-Gesetz 2013 hier bereits Wirkung zeigt, bleibt abzuwarten. Man darf in jedem Fall weiterhin gespannt sein. Oder um Hans Modrow zu zitieren, der sich nach kürzlichen Rückkehr aus Kuba in der jungen Welt wie folgt äußerte: „Was jetzt beginnt, dürfte die größte Herausforderung in Kubas Geschichte sein.“