Essen, um zu überleben

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Cafeteria der Universität Havanna (eigene Aufnahme)

Seit meiner Ankunft in Havanna habe ich hier so manche Gewohnheit ablegen müssen. In Bezug auf seine Küche erweist sich Kuba für mich jedoch als ungeahnte Herausforderung. Denn obwohl es hier allerlei Nahrungsmittel zu kaufen gibt, ist eine abwechslungsreiche und wohlschmeckende Ernährung eine anspruchsvolle Aufgabe die vor allem von drei Faktoren abhängt: der Zeit, dem Geld und der Gelegenheit.

Günstig und verfügbar: Die Peso-Gastronomie

Die einfachste Option hier satt zu werden ist mit Sicherheit eine der zahlreichen Cafeterias und Peso-Restaurants aufzusuchen, die für umgerechnet weniger als einen Euro die immer gleichen Standardgerichte anbieten: Reis mit Bohnen und Avocado, als Beilage gibt es oft fades Hühnchen- oder Schweinefleisch. Darüber werden dort fast immer Pizza, Spaghetti, Fruchtsäfte, Burger und Sandwiches angeboten. Der Vorteil dieser kleinen Cafeterias ist, dass sie praktisch immer und überall verfügbar sind und meist die konstant gleiche Qualität bieten. Der Nachteil besteht in eben jener Qualität.

Was auf den ersten Blick nach einer soliden Auswahl klingt, entpuppt sich in der Praxis oft als eine Odyssee für den Gaumen: Während die Spaghetti so weichgekocht sind, dass sie auf der Zunge zergehen, besteht die omnipräsente American-Style Pizza hier aus öligem Teig mit Käseersatz, dazu gibt es zuckrige Tomatensauce und mittelmäßigen Schinken. Da Milchprodukte hierzulande knapp und teuer sind, müssen natürlich auch die Spaghetti mit Ersatzkäse auskommen. Zwar hat man meistens die Auswahl zwischen Guaven, Mango und Tamarindensaft für lediglich zwei bis drei Peso Cubano – diese sind jedoch oft übermäßig gezuckert und schmecken daher wenig natürlich. Auch die Reis- und Fleischgerichte sind nun wirklich keine Gaumenfreude, da sie meist jegliche Sauce vermissen lassen.

Die nächste Alternative könnte in der staatlichen Cafeteria der Universität bestehen – doch dort wird exakt das selbe wie in den privaten Cafeterias verkauft, nur etwas billiger und schlechter als im Privatsektor. Ein Sandwich kostet dort beispielsweise 5 Peso (etwa 20 Eurocent), was sich auch in der Qualität der verwendeten Zutaten niederschlägt: Billiges Fleisch zusammen mit fettigem Käseersatz und luftigem Weißbrot machen zwar satt, mehr aber auch nicht. »In Kuba fragst Du nicht nach den Zutaten«, sagte mir eine Freundin die ein halbes Jahr hier verbracht hat, »Du isst hier nicht wegen des Geschmacks, sondern weil Du musst. Du musst essen, um zu überleben.«

Knappes Sortiment im Einzelhandel

Bis auf wenige Ausnahmen zieht sich diese traurige Bestandsaufnahme durch große Teile der kubanischen Peso-Gastronomie. Nach einigen Wochen fing mein Magen an zu rebellieren und ich habe versucht meine bescheidenen Kochkenntnisse einzusetzen, um für etwas Abwechslung zu sorgen: Zumindest vernünftige Spaghetti mit Tomatensauce sollten drin sein, dachte ich mir. Selbst Kochen entpuppt sich in Kuba jedoch als mitunter teure Angelegenheit, zumindest wenn man nicht auf die übliche Reis-Avocado-Bohnen-Rezeptur zurückgreifen möchte: Während die Spaghetti mit etwa 90 Eurocent ähnlich teuer sind wie bei uns, sind fast alle anderen Fertiglebensmittel deutlich teurer. Pesto habe ich bisher noch nirgends gefunden und auch »richtiges« Brot scheint hier nicht erhältlich zu sein.

Das Sortiment in den staatlichen Lebensmittelschäften variiert von Woche zu Woche, wobei bevorzugt günstige Produkte von schlechter Qualität importiert werden. Neben Keksen aus Mexiko und Apfelsaft aus Spanien findet man allerlei – jedoch oft nicht das, was man sucht. In vielen fällen führt der Laden dieses oder jenes Produkt nicht, bzw. es ist gerade ausverkauft. Letzten Endes bleibt einem dann nichts übrig, als sein Glück auf der Straße zu versuchen oder zum nächsten Laden zu ziehen. Bedingt durch die Folgen der US-Blockade zu der noch eine saftige staatliche Importsteuer kommt, vergeht einem ohnehin meist die Lust auf viele Produkte: Statt importierter Schokolade für 3-4€ greift man im Zweifelsfall lieber zur heimischen, die zwar schlechter schmeckt, aber für ca. 1€ erhältlich ist.

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Staatliche Lebensmittelgeschäfte weisen oftmals ein recht monotones Sortiment auf

Ohne fortgeschrittene lokale Kochkenntnisse und einen tieferen Einblick in das mitunter eintönige Sortiment der kubanischen Läden und Bauernmärkte wird die Suche nach gesunder und abwechslungsreicher Ernährung hier zur zeitraubenden Aufgabe. Glücklicherweise wird in meiner Casa regelmäßig und viel gekocht, so dass ich öfter umsonst mitessen kann. Kubanische Hausmannskost besteht im Prinzip aus den selben Reis-Bohnen-Avocado-Gerichten wie in den Caféterias, unterscheidet sich jedoch in einem wichtigen Punkt von denselbigen: Die Frische und die Qualität der Zutaten lässt die Gerichte zu einer angenehmen Abwechslung werden.

Und gerade da stellt sich mir die Frage, woher die immer gleiche Komposition der Menükarten herrührt, welche sowohl staatliche als auch private Pesoküchen ihren Kunden anbieten? Mit den verfügbaren Zutaten ließen sich abwechslungsreiche Gerichte zaubern und nur einige wenige Änderungen könnten aus einem schlechten Essen zumindest ein akzeptables werden lassen: Würden all die tausenden Cafeterias hier die Spaghetti früher aus dem Topf nehmen, die Pizzen länger im Ofen lassen, eine Sauce zum Reis anbieten, Fruchtsäfte auch ungezuckert verkaufen, ein paar »exotische« Gerichte zum Speiseplan hinzufügen – die gastronomische Landschaft hier wäre eine andere.

Licht am Ende des Tunnels

Dabei ist es ein Mythos, dass man in Kuba nicht gut essen kann. Neben der grundsoliden Hausmannskost wartet Havanna auch mit einer Vielzahl erstklassiger Restaurants auf, die neben lokaler auch internationale Gastronomie auf Spitzenniveau anbieten. Das einzige Problem: Man benötigt mehr Zeit oder mehr Geld. Doch bereits ab 4 € kann man in so manchem privaten Devisenrestaurant eine wahre Gaumenfreude erleben, die den mit Reis und Bohnen gefüllten Magen für kurze Zeit aufatmen lässt.

Insbesondere das von der spanischen Gesellschaft (Asociación Asturiana) betriebene Restaurant »Los Nardos« sticht hier mit seiner hochwertigen Küche bei hervorragendem Preis-Leistungsverhältnis hervor. Das stadtbekannte Restaurant bietet allerlei spanische und kubanische Gerichte für umgerechnet 4 bis 8 €, was zahlreiche Kubaner dazu motiviert, an besonderen Anlässen hier zu speisen. Entsprechend lang ist die Schlange: Mindestens eine halbe Stunde Wartezeit sollte man einplanen, um in den Genuss von Paella, Camarrones und anderen Gerichten kommen zu können.

Doch auch die Peso-Gastronomie bietet mittlerweile ein paar Lichtblicke: Das in der Avenida Salvador Allende angesiedelte »Don PP« überzeugt mit umfassendem Speiseplan, hervorragendem Service und anständiger Qualität – bei den selben Preisen wie die mittelmäßige Konkurrenz. Bereits ab 35 Peso Cubano (ca. 1,30€) bekommt man dort ein Hauptgericht in üppiger Portionsgröße. Sogar Cordon Bleue für 45 Peso kann man dort bestellen: Eine der seltenen Möglichkeiten für wenig Geld an paniertes Fleisch zu kommen.

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Viel Eis für wenig Geld bietet die „Coppelia“

In Sachen Nachtisch sorgt der Staat weiterhin für ein grundsolides Angebot: In jeder kubanischen Provovinzhauptstadt bietet die staatliche Eisdielenkette »Coppelia« Becher für einen Peso pro Kugel an. Wie bei allem was hier gut und günstig ist übersteigt die Nachfrage der Angebot. Doch trotz der Hitze sind die Habaneros bereit eine halbe Stunde und mehr für eine dieser Köstlichkeiten anzustehen, die sich vor der teuren Eiscreme in Europa nicht verstecken muss. Wer Zeit hat, braucht nicht auf gutes Eis zu verzichten. Und wer Geld hat, für den gibt es einen Verkaufsstand in Devisen bei dem die Kugel für ca. 0,40€ ohne Wartezeit erhältlich ist.

Bis vor wenigen Jahren war es für die meisten Kubaner ungewöhnlich, Geld für ein Essen in einem Lokal auszugeben. Damals dominierten noch die einst zahlreichen staatlichen Peso-Restaurants das Feld. Sie waren jedoch dermaßen schlecht ausgestattet und langsam, dass man sich die Zwanzig Peso lieber für die eigene Küche gespart hat. Bei vielen Gerichten hieß es damals: »No hay« – gibt es nicht, während die verfügbaren Speisen nur mit einer gewissen Gleichgültigkeit genießbar waren. Heute haben (zumindest in Havanna) nur noch wenige Überbleibsel dieser Ära der Notgastronomie geöffnet, während die meisten Lokale mittlerweile an genossenschaftliche Restaurants und private Cafeterias verpachtet sind.

Obwohl Orte wie »Don PP« noch die Ausnahme bilden, ist es mittlerweile keine Neuigkeit mehr, dass sich die kubanische Gastronomie im Umbruch befindet. Fast jede Woche sprießt irgendwo eine neue Cafeteria aus dem Boden, entsteht ein neues Devisenrestaurant oder erweitert sich das Angebot von diesem oder jenem Straßenimbiss. Immer mehr Kubaner sind in der Lage, ihr Mittagessen auf der Straße einzunehmen und erwarten auch entsprechende Qualität. Die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Lokalen wächst und mit ihr verbessert sich langsam auch das Angebot. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sich vernünftige Gerichte zu erschwinglichen Preisen in Kuba durchsetzen werden. Bis dahin heißt es noch ein wenig: Kreativ sein und essen, um zu überleben.

Die „Messe der Nationen“ in Havanna

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Der Vietnamesische Stand auf der „Feria de las naciones“ auf dem Gelände der Universität von Havanna (eigene Aufnahme)

Am heutigen Donnerstag fand auf dem Campus der Universität von Havanna die jüngste Ausgabe der »Feria de las naciones«, (dt. Messe der Nationen) statt. Zahlreiche ausländische Studierende stellten auf dem Unigelände die Kultur ihres Landes vor. Von Angola bis Palästina waren die unterschiedlichsten Länder vertreten. Neben lokalen Gerichten wurden dabei auch Musikeinlagen und Tänze zum besten gegeben.

Obwohl nur etwa 30 Syrer derzeit in Kuba studieren, gelang es den syrischen Studenten einen gut besuchten Stand aufzubauen – was sicher auch an der öffentlichen Shisha lag, die gerade bei den Kubanern großes Interesse hervorrief. Vietnam und Angola zogen mit lokalen Trachten und Musik die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich, während Ecuador mit hervorragendem Karten- und Infomaterial die Werbetrommel für den Tourismus rührte.
Gegenüber stellten sich die verschiedenen Fakultäten der Universität in einem Koch- und Backwettbewerb vor. Auch ein Atomium aus Teigbällchen war unter den zahlreichen kreativen Ideen der kubanischen Studenten.

Auffallend war, dass europäische Länder auf der Messe praktisch nicht vertreten waren. Kuba beherbergt derzeit etwa 18.000 ausländische Studierende, wobei die meisten aus afrikanischen, lateinamerikanischen und asiatischen Entwicklungsländern stammen für die Kuba kostenlose Studienplätze bereithält. Sie verbringen oft ihre gesamte Studienzeit in Kuba und erleben daher die jährliche Messe nicht zum ersten Mal, während die meisten europäischen und nordamerikanischen Studenten nur einige Monate im Land bleiben und naturgemäß deutlich schlechter vernetzt sind.

Die »Messe der Nationen« war für mich (und sicher auch für viele Kubaner) eine hervorragende Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern und mit Kommilitonen aus fast allen Kontinenten ins Gespräch zu kommen. Leider bin ich einer vergleichbaren Veranstaltung in Deutschland noch nicht begegnet, bei der sich Studenten aus den verschiedensten Ländern auf gleicher Ebene austauschen und die Kultur ihrer Länder mit selbst gestalteten Ständen vorstellen. Nachfolgend einige fotographische Impressionen, die einen Eindruck von der Messe geben sollen.

Bilaterale Beziehungen zwischen Kuba und Vietnam werden ausgebaut

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Die Verleihung des José-Martí-Ordens durch Raúl Castro an Vietnams Staatspräsidenten Truong Tan Sang (Quelle: Razonesdecuba)

Havanna. Kubas Präsident Raúl Castro und sein vietnamesischer Amtskollege Truong Tan Sang haben sich in Havanna zu offiziellen Gesprächen getroffen. Im Fokus stand die Ausweitung des politischen Dialogs sowie der Entwicklung der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern, wie die kubanische Tageszeitung Granma berichtete.

In diesem Zusammenhang unterzeichneten beide Präsidenten während eines Unternehmensforums sechs Kooperationsabkommen zur Stärkung der Zusammenarbeit und Förderung der gegenseitigen Investitionen. Hierbei kam es sowohl zwischen der kubanischen Handelskammer und der vietnamesischen Industrie- und Handelskammer zu Vereinbarungen, als auch zwischen der Nationalbank Kubas und der Bank für landwirtschaftliche und ländliche Entwicklung (Agribank) Vietnams. Auch eine Zusammenarbeit der Agribank und der Internationalen Handelsbank Kubas wurde dabei beschlossen. Zu den Vereinbarungengehört ebenso die Einrichtung eines Joint Venture, das den Bau eines Fünf-Sterne-Hotels in Havanna ermöglichen soll.

Kuba und Vietnam unterzeichneten zudem eine Absichtserklärung über gemeinsame Erkundungen von Erdöl- und Erdgasvorkommen in Kuba sowie in kubanischen Gewässern. Auch soll der Zeitplan für die Gründung eines weiteren Joint Ventures in der Sonderentwicklungszone Mariel durch beide Länder besprochen werden.

Das Ende der Gespräche markierte die Verleihung der höchsten Auszeichnung Kubas an den vietnamesischen Staatschef, des José-Martí-Ordens.

Vor dem Besuch Präsident Truong Tan Sang erklärt, dass der Erneuerungsprozess Vietnams sowie die Notwendigkeit einer Anpassung des kubanischen Wirtschaftssystems eine beständige Grundlage für die Ausweitung der Kooperation seien.

Vietnam ist einer der zwei Handelspartner Kubas im pazifisch-asiatischen Raum. Beide Länder feiern in diesem Dezember die seit 55 Jahren bestehenden diplomatischen Beziehungen.

von Frederike Schwarz / Amerika21

Eine CDR-Feier in Kuba – Impressionen vom 27. September in Havanna

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CDR-Feier im Municipio Plaza, Havanna

Das ganze Viertel riecht nach Suppe und aus fast allen Straßenecken tönt Reggueton. Kleine Menschenansammlungen vergrößern sich und die Straße scheint erstaunlich voll für einen Sonntagabend: Kuba feiert heute in den 28. September hinein, den 55. Jahrestag der Gründung der CDRs, der »Komitees zur Verteidigung der Revolution«. Am 28. September 1960 wurden die CDRs auf Initiative Fidel Castros als lokale Bürgermilizen gegründet, um das Land vor den zahlreichen Terror- und Brandanschlägen zu schützen, die damals von Seiten der USA gegen die junge Revolution in Kuba begangen wurden.

Suppe, Rum und Kuchen

Mehr als 8,5 Millionen Kubaner (praktisch jeder ab 14 Jahren bis ins hohe Alter hinein) sind heute Mitglieder der Komitees, die sich heute eher als Nachbarschafts- und Graswurzelorganisation verstehen. Denn neben der revolutionären Wachsamkeit gehören noch ganz andere Aufgaben zu den CDRs: Die Sammlung von Blutspenden, das Aufsammeln von Müll in der Nachbarschaft, die Organisation politischer Meetings um die Probleme des Viertels zu besprechen sowie die jährliche Fiesta am Jahrestag der Gründung, von der ich nun erstmals aus eigener Erfahrung berichten kann.

Zusammen mit einer jungen finnischen Priesterin, die ebenfalls in meiner Casa wohnt, zog ich an jenem Sonntag durch die Straßen um eine der zahlreichen Feiern zu finden. In unserer Straße fiel die fiesta dieses Jahr aufgrund eines Todesfalls in der Nachbarschaft aus, so dass wir zu anderen Orten aufbrechen mussten. Doch nicht weit von uns, in der Calle Ayestaran, wurden wir bereits fündig. Eine Gruppe Kubaner gemischten Alters stand in angeregter Unterhaltung um einen dampfenden Suppenkochtopf versammelt und ich wusste, dass wir hier richtig sind. Nach kurzem Smalltalk waren wir denn auch beide herzlich eingeladen, an der Feier teilzunehmen.

Zunächst zogen wir jedoch wieder weiter – mit gänzlich leeren Händen wollten wir schließlich nicht auftauchen. Es war gegen 21 Uhr und wir konnten noch problemlos eine Flasche Rum und eine Packung Kekse organisieren, ehe es wieder zurück zur Feier ging. Das CDR mit dem Namen »America Latina« richtete die Feier im Vorgarten eines Apartments aus, in dem insgesamt 66 Personen leben, viele davon schon im fortgeschrittenen Alter. Die erste halbe Stunde saßen wir ein bisschen isoliert auf den Treppen des Hauseingangs und beobachteten das bunte Treiben: Die kubanische Fahne wurde aufgehängt und unser Mitbringsel samt den anderen Gaben des Abends auf einem kleinen Holztisch vor der Fahne hingestellt. »Es sieht aus wie ein kleiner Altar«, sagte ich zu meiner finnischen Priesterin, die mir lachend zustimme.

Ungezwungenes Miteinander bis spät in die Nacht

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Gegen 22 Uhr wurde die Feier mit einer Transvestitenshow eröffnet: Ein Nachbar tanzte als Frau verkleidet die umstehenden Männer an. Zur Musik von »Gente de Zona«, einer bekannten Reggueton-Band, wurde getanzt und gelacht. Bald darauf kamen wir ins Gespräch mit den Nachbarn, die uns die »Caldosa« servierten, jene fleischhaltige Gemüsesuppe, die seit 55 Jahren traditionell auf jeder CDR-Feier gekocht wird. »Hier trägt jeder seinen Teil dazu bei«, erklärte mir eine Nachbarin. Einige Tage vorher wird in der Nachbarschaft gesammelt, so dass es an jenem Abend mehr als genug für alle gab: Suppe, Rum, Wein, Kekse, Kuchen und Popcorn bildeten neben der Musik die Grundlage für die Feier.

Eine Stunde später hielt Fidel, der Präsident des hiesigen CDRs, eine heitere Rede an die Nachbarn, in der wir herzlich als »Ehrenmitglieder des CDRs« aufgenommen wurden. Es wurde laut gelacht als einige Nachbarn am Ende der Rede ein doppeldeutiges »Viva Fidel!« anstimmten, anschließend kamen jung und alt zum Salsa-Tanz zusammen. Was mich besonders beeindruckt war eben jener Austausch zwischen den verschiedenen Generationen. Vom Kleinkind bis zum Rentner waren alle versammelt, um in den Montagmorgen hineinzufeiern. Das fröhliche und ungezwungene Miteinander, die Herzlichkeit mit der wir als zwei vollkommen fremde aufgenommen wurden – all das ist schwer zu Beschreiben für uns Europäer, die wir kaum unsere eigenen Nachbarn beim Namen kennen.

Die Organisation der kubanischen Familie

»So etwas habt ihr in Deutschland nicht, stimmt’s?«, fragte mich eine der Nachbarinnen. »In Kuba kümmern wir uns um unsere Freunde und Nachbarn, jeder ist für den anderen da und wenn mir etwas fehlt, brauche ich nur an der nächsten Tür zu klingeln. Auch die alten Leute hier sind nicht allein. Wenn jemand krank wird, kümmern sich die Nachbarn. Was wir haben, wird geteilt.« Und schon war das nächste Lied auf den Lippen der Leute, die einfach nicht müde wurden zu tanzen.

Kurz nach Mitternacht mussten wir jedoch die Musik abstellen, schließlich ging es für die meisten am Montag wieder an die Arbeit. Am Ende der Feier wurde die kubanische Hymne angestimmt und wir verabschiedeten uns aufs herzlichste von unseren neuen Freunden, die uns für nächsten Sonntag wieder zu einer gemeinsamen Aktivität einluden: Das Viertel soll dann durch die gemeinsame Arbeit der Nachbarn verschönert werden.

Für mich haben die CDRs nun ein Gesicht bekommen, welches nicht weiter vom Zerrbild entfernt sein könnte das die deutschen Medien so gerne transportieren. »Die Organisation der kubanischen Familie«, nannte unser Präsident die CDRs. An jenem Abend konnte ich keine Spur von Misstrauen entdecken. Niemand hatte Probleme damit auch kontroverse politische Themen in Gegenwart des etwa 70-jährigen Präsidenten anzuschneiden, der von den Nachbarn als Freund und Helfer geschätzt wurde. Für mich war dies eine gelungene Feier für jung und alt, ein Austausch der Generationen und ein von herzlicher Inklusion geprägter Ausdruck von guter Nachbarschaft, Freundschaft und menschlicher Solidarität.

von Marcel Kunzmann, berichteaushavanna