Semesterbeginn an der Universität von Havanna

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Seminarraum der Universität von Havanna

Nachdem die ersten bürokratischen Hürden genommen sind, beginnt sich mein Studium an der Universität von Havanna langsam zu entwickeln. An dieser Stelle möchte ich die noch frischen Eindrücke nutzen, um einen ersten Vergleich zwischen einem Seminar in Kuba und in Deutschland zu geben.

Ein typischer Seminarraum

Die Kurse an kubanischen Hochschulen ähneln in vielerlei Hinsicht den Seminaren an deutschen Universitäten, wobei sich die Räumlichkeiten unterscheiden: kubanische Seminarräume glänzen durch die Abwesenheit von Overhead-Projektoren und Beamern, was durch die Persönlichkeit des Dozenten wett gemacht werden muss. Mein Geschichtskurs beispielsweise besteht aus 30 Teilnehmern. Wir verteilen uns auf 24, etwa anderthalb Meter lange Holzpulte, die für je zwei Personen ausgelegt sind. Während der Stunde ist trinken erlaubt, allerdings warnt ein Schild: »Eis essen verboten«. Mangels Klimaanlage benutzen die meisten hier Fächer, um sich kühlenden Wind zuzuführen. An der Vorderseite des Raumes ziert eine etwa vier Meter lange Tafel die Wand, welche in der Regel trocken gewischt wird. Auf einer kleinen Erhebung steht das Pult des Dozenten, der hier – wie auch viele meiner Kommilitonen – meist weiblich ist. Zu Beginn der Stunde erheben sich alle Studenten und wünschen dem Dozenten im Gleichklang einen guten Tag, was mich an meine Schulzeit erinnert. Dafür entfällt das in Deutschland übliche Tischgeklopfe zum Ende der Stunde. Die Stunden dauern genau gleich lang wie bei uns: 90 Minuten. Manchmal gibt es eine fünfminütige Pause dazwischen, die von vielen zum rauchen benutzt wird. Rauchen darf man auf dem Campus nämlich fast überall und in der Pause muss man lediglich einen Meter vor den Seminarraum setzen um sich der Nikotinsucht genüsslich hinzugeben.

Der Unterrichtsstil

Der Vortragsstil wechselt scheinbar je nach Wochentag zwischen Vorlesungs- und Seminarstil. Einmal durften wir uns einen langen Vortrag unserer Dozentin anhören (bei dem jedoch Rückfragen und kurze Diskussionen möglich waren), an einem anderen Tag hatten wir einen 46-Seitigen Text vorzubereiten der anschließend diskutiert wurde. Wortmeldungen sind hier eigentlich immer möglich. Die Dozenten scheuen keine Diskussion und sind überaus engagiert und hilfsbereit. Und das nicht gegenüber den wenigen Ausländern in meinen Kursen. Beeindruckend fand ich, dass die Dozenten praktisch ohne Manuskript eine ganze Vorlesung halten können. Insbesondere meine Geschichtsdozentin scheint wirklich alles auswendig zu können. Wortmeldungen werden entweder per Handzeichen angemeldet oder einfach hereingerufen, wobei das nie sonderlich störend auf mich gewirkt hat. Sehr häufig wiederholt der Dozent etwas aus früheren Stunden bekanntes und die ganze Klasse kann scheinbar nicht anders als das nachfolgende Wort, welches von allen bereits antizipiert wurde, gemeinsam mit dem Dozenten laut vorzusprechen. Auch mit Folgefragen wie: »Sachverhalt X verhält sich so und so… ja oder nein? dann verhält sich Sachverhalt Y aber so und so, ja oder nein?« wird häufig ein Thema logisch deduziert. Bei Verständnisproblemen greifen die Dozenten gerne zur Kreide und pinseln lustige Skizzen an die Tafel – der Humor kommt nicht zu kurz: Meine Dozentin in Politische Ökonomie des Kapitalismus hat uns heute beispielsweise das Marx’sche Wertgesetz mit Hilfe einer Handtasche und eines Regenschirms illustriert, was für einige heitere Momente gesorgt hat. Überhaupt ist die Atmosphäre hier sehr familiär und erinnert mich an meine Zeit an der Oberstufe: Man kennt sich von Anfang an. Der Schein der Anonymität auf dem Campus trügt, jeder Einzelne ist wichtig.

USB-Sticks statt Internet

Die Seminardiskussionen laufen in Kuba anders ab als in Deutschland. Ich habe den Eindruck, dass die Studenten wesentlich überlegtere und längere Wortbeiträge beisteuern, von denen viele erst einmal unkommentiert bleiben. Insgesamt, so scheint mir, wird das Lesen der Seminartexte in Kuba deutlich ernster genommen als in Deutschland. Dabei haben die Kubaner eine sehr kreative Lösung entwickelt, mit der sich die Texte in digitaler Form auch ohne Internet verteilen lassen: Am Ende der Stunde werden USB-Sticks eingesammelt, die vom Dozenten dann mit den entsprechenden Inhalten für die nächsten Sitzungen bespielt werden. Die Texte sind allerdings keine Scans im PDF-Format wie bei uns, sondern Word-Dokumente. Mir scheint, dass irgendjemand einmal sehr viel tippen musste.

Auf inhaltlicher Ebene stehen die kubanischen Seminare in marxistischer Tradition, verstehen es jedoch, die marxistische Philosophie als etwas lebendiges und ganz und gar selbstverständliches zu vermitteln. Dabei darf auch hinterfragt und kritisch diskutiert werden. Interessant sind die zahlreichen Querverbindungen, die immer wieder zwischen dem humanistischen Denken José Martís und der marxistischen Philosophie gezogen werden. Für detailliertere Urteile zum Inhalt würde ich mich allerdings zum jetzigen Zeitpunkt zu weit aus dem Fenster lehnen.

Insgesamt wurde ich von meinen hohen Erwartungen an das kubanische Bildungssystem bisher nicht enttäuscht. Trotz der Abwesenheit von PowerPoint und Folien schaffen es die Dozenten hier allein Kraft ihrer Persönlichkeit eine angenehme und erkenntnisreiche Stunde zu bieten. Wie denn auch nicht? Schließlich gibt es die universitäre Bildung schon weitaus länger als jene technischen Mittel, die bei uns oft genug nicht sinnvoll genutzt werden. Dennoch würde ein verstärkter Medieneinsatz (nicht nur) ausländischen Studierenden das Leben leichter machen. Großartig finde ich den geringen Klassenteiler bei angemessener Raumgröße: Das macht Mikrofone obsolet und bietet jedem genug Raum für Nachfragen und Diskussionen. Überfüllte Hörsäle und Seminare, die aus allen Nähten platzen, musste ich hier bisher noch nicht erleben.


Anbei einige Videos von der Inaugurationszeremonie zum Semesterbeginn:

ETECSA schafft neue WiFi-Netze und senkt die Preise

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In vielen kubanischen Städten werden derzeit WiFi-Netze eingerichtet (Quelle: Cartasdesdecuba)

Kubas staatliche Telefongesellschaft ETECSA installiert derzeit im ganzen Land neue WiFi-Netze mit öffentlichem Internetzugang. Der Preis für eine Stunde Internet wurde für die drahtlosen Netze auf 2,25 CUC halbiert. Neben der Hauptstadt Havanna profitieren  vor allem kleinere Städte in Zentral- und Ostkuba von dem günstigeren Internetzugang. Doch auch die vier größten Hochschulen des Landes sollen noch in diesem Jahr über einen besseren Zugang zum weltweite Netz verfügen.

Ende letzten Jahres kündigte die Telefongesellschaft an, den Ausbau von WiFi-Netzen auf der Insel massiv beschleunigen zu wollen. Den Anfang machte dabei die Touristenhochburg Trinidad, wo seit April dieses Jahres eine 2 Mbps-Leitung den Parque Céspedes mit drahtlosem Internet versorgt. Derzeit werden vergleichbare Angebote in den Städten San José de las Lajas, Güines, Sancti Spíritus, Camagüey, Baracoa und Guantánamo eingerichtet. Sie sollen innerhalb der nächsten Wochen ihren Dienst aufnehmen.

Entsprechende Antennen werden ebenso in der belebten Avenida 23 („La Rampa“) in Havanna installiert, so dass in der Nähe der Uferpromenade Malecón das drahtlose surfen im Netz schon bald möglich sein sollte. Nach Informationen von „Martí Noticias“ wurde der übliche Preis von 4,50 CUC pro Stunde bei den WiFi-Netzen offenbar dauerhaft auf 2,25 CUC reduziert. Noch im Jahr 2013 lag der Preis für eine Stunde Internetzugang landesweit bei mindestens 6 CUC, was etwa einem Drittel des durchschnittlichen Monatslohns entsprach.

Auch der Internetzugang an den vier größten Hochschulen des Landes wird derzeit massiv erweitert. So ging vor wenigen Wochen das erste WiFi-Netz auf dem Campus der Universität von Havanna (UH) in Betrieb. Die Inbetriebnahme von drahtlosen Netzen ist des weiteren an der Universidad de Oriente (UO) in Santiago, der Informatikhochschule (UCI) sowie an der Polytechnischen Hochschule CUJAE (beide in Havanna) geplant. Kubas Hochschulminister Rodolfo Alarcón Ortiz kündigte darüber hinaus an, Forscher und Universitätsdozenten verstärkt mit Internetanschlüssen in ihren Privatwohnungen versorgen zu wollen.

Kuba will Schulen mit Internet ausstatten

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Bis Ende 2016 sollen zunächst Gymnasien sowie pädagogische und politechnische Schulen Kubas mit Internet versorgt werden (Quelle: Cubadebate)

Havanna. Bis zum Jahr 2018 sollen alle kubanischen Schulen über einen eigenen Internetzugang verfügen. Bereits Mitte nächsten Jahres sollen nach Angaben des Bildungsministeriums über 26.000 Lehrer von ihrem Arbeitsplatz aus Zugang zum weltweiten Netz erhalten.

Die Umsetzung des Vorhabens wird dabei in mehreren Etappen erfolgen und ist Teil der neuen Internetpolitik der kubanischen Regierung. Bis Ende 2016 sollen zunächst alle Gymnasien sowie die pädagogischen und politechnischen Schulen des Landes mit Internet versorgt werden, im Jahr 2017 werden Mittelschulen, Kindertagesstätten und Sonderschulen folgen. Bis 2018 sollen den Plänen zufolge auch die über 6.800 Grundschulen des Landes am Netz hängen.

Laut dem Leiter der Informatikabteilung des Bildungsministeriums, Fernando Ortega Cabrera, soll der Internetzugang den Lehrern vor allem bei der Unterrichtsvorbereitung und Fortbildung helfen. Die Schüler sollen im Umgang mit dem Internet und sozialen Netzwerken geschult werden. Neue Portale im kubanischen Intranet sollen für eine stärkere Einbindung digitaler Lerninhalte in kubanischen Schulen sorgen. Die in Kuba entwickelte Linux-Distribution Nova wird auf diesem Weg ebenfalls Einzug in die Schulen des Landes halten.

Zusätzlich zum Internetausbau ist die Erneuerung der technischen Ausstattung der Schulen geplant. Statt durch VHS-Kassetten sollen Filme und Lehrmaterialien an den Schulen künftig über USB-Sticks auf den Fernsehern wiedergegeben werden. Der Computerbestand wird ebenfalls ausgetauscht. Derzeit entfällt in Kuba ein Computer auf 30 Schüler, allerdings gelten 80 Prozent der Rechner als veraltet. Sie sollen in den kommenden Jahren durch eine größere Anzahl Tablets ersetzt werden, so dass sich dann nur noch neun Schüler ein Gerät teilen werden. Zum Vergleich: Im Jahr 2013 teilten sich in Deutschland durchschnittlich elf Schüler einen Rechner.

von Marcel Kunzmann / Amerika21

Analyse: Wie zufrieden sind die Kubaner?

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Was denken die Kubaner über ihre Revolution? (Quelle: Washington Post)

Die Mehrzahl der Kubaner begrüßt die Gespräche mit den USA und blickt optimistisch in die eigene Zukunft. Dies ist Ergebnis einer aktuellen Erhebung, die vor wenigen Wochen auf Kuba durchgeführt wurde. Im Auftrag der Washington Post ermittelte das amerikanische Meinungsforschungsinstitut Bendixon & Amandi die Haltung von 1.200 Kubanern zu einem breiten Katalog unterschiedlicher Themen. Dabei heraus kam ein einzigartiges Stimmungsbild vom Stand der öffentlichen Meinung auf der Insel, das jedoch aufgrund der ausgewählten Stichprobe mit Vorsicht zu genießen ist.

Kuba – ein schwieriges Pflaster für Meinungsforscher

Meinungsumfragen sind für die meisten Kubaner nichts neues. Die Regierung nutzt schon seit Jahrzehnten die Methode der empirischen Sozialforschung, um die Stimmung im Land zu erfassen und Problemfelder näher zu bestimmen. Für ausländische Meinungsforscher hingegen ist Kuba ein schwieriges Pflaster. Die Behörden reagieren äußerst misstrauisch gegenüber Ausländern, die mit Fragebögen von Haus zu Haus gehen. Im aktuellen Fall von Bendixon & Amandi hat dies eine verdeckte Rekrutierung der kubanischen Interviewer erforderlich gemacht.

„Bereits nach drei oder vier Tagen haben wir erfahren, dass drei unserer vier Interviewer verhaftet wurden“, berichtet Fernand Amandi, der Leiter der Umfrage. Dennoch gelang es dem Team zwischen dem 17. und 27. März alle geplanten Interviews abzuschließen. Obwohl auch andere Institute (z.B. das IRI) mehr oder weniger regelmäßige Meinungsumfragen in Kuba durchführen, stach die jüngste Umfrage vor allem durch die Aktualität in Folge der Wiederannäherung an die USA sowie durch ihren Umfang hervor. Selten gelingt es ausländischen Meinungsforschern, mehr als 1.000 Kubaner zu derart vielen Aspekten zu befragen. Von internationalen Medien wurde die Erhebung entsprechend breit rezipiert. Doch nicht nur deshalb lohnt sich ein näherer Blick auf die Ergebnisse.

Optimismus und der Wunsch nach Wohlstand

Zunächst einmal fällt auf, dass die meisten Kubaner frohen Mutes in die Zukunft blicken. 73% der Befragten äußerten sich mit Blick auf ihre eigene Zukunft und die ihrer Familie optimistisch, 55% gehen von der Verwirklichung ihrer Wünsche innerhalb der nächsten fünf Jahre aus. Zu diesen gehört für 64% der Befragten eine Auslandsreise. Ganze 37% der Kubaner wollen der Umfrage zu Folge ein Geschäft eröffnen, während sich 34% ein Auto wünschen – hier waren auch Mehrfachnennungen möglich.

Auf die Frage: „Was benötigt das kubanische Volk derzeit am dringendsten?“ forderten 24% der Befragten ein offenes politisches System, genauso viele wünschten sich eine Verbesserung ihrer Lebensqualität. Mit 48% stand jedoch für die meisten eine besser funktionierende Wirtschaft an erster Stelle. Nur 19% der Befragten Kubaner zeigten sich mit dem derzeitigen Wirtschaftssystem zufrieden, womit die ökonomischen Schwierigkeiten gegenüber allen anderen Aspekten hervorstechen.

Kubas politisches System im Vergleich

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So zufrieden sind die Kubaner mit… (Quelle: Washington Post)

Immerhin 39% gaben an, mit dem politischen System zufrieden zu sein, während 34% „überhaupt nicht zufrieden“ mit der Politik ihres Landes sind. Der Grund hierfür liegt für 49% an mangelnder Freiheit, während an zweiter Stelle (26%) abermals das Ausbleiben wirtschaftlicher Entwicklung genannt wurde. 19% hingegen führten die abstrakte Aussage „Wir brauchen Veränderung“ als Ursache für ihre politische Unzufriedenheit ins Feld.

Im lateinamerikanischen Kontext schneidet das politische System Kubas nicht so schlecht ab, wie diese Zahlen zunächst suggerieren. Nur 34% aller Lateinamerikaner vertrauen aktuellen Erhebungen zu Folge ihren jeweiligen Parlamenten. In Peru beispielsweise gaben jüngst gerade einmal 25% der Befragten an, ihrer Regierung zu vertrauen. Lediglich 28% der Peruaner sind mit der Demokratie in ihrem Land zufrieden. In Kolumbien liegt dieser Wert bei 39, in Brasilien und Argentinien bei 49 und in Ecuador bei 56%.

Überdurchschnittlich bewertet wurden hingegen die kubanischen Sozialsysteme, auch wenn es gegenüber älteren Erhebungen einen leichten Rückgang gab. 68% der Kubaner sind heute mit dem Gesundheitssystem auf der Insel zufrieden. Die hohe Zufriedenheit deckt sich mit den Ergebnissen einer früheren Gallup-Umfrage, wonach im Jahr 2007 gut 75% der Kubaner angaben, Vertrauen in ihr Gesundheitswesen zu haben – gegenüber 57% im Rest Lateinamerikas. Mit 72% Zufriedenheit wurde das Bildungssystem geringfügig besser bewertet als die Gesundheitsfürsorge. Auch hier lag Kuba bereits 2007 mit 78% gegenüber 59% im lateinamerikanischen Durchschnitt deutlich vorne. Damals gaben lediglich die Hälfte der Lateinamerikaner an, dass Bildung in ihrem Land für alle zugänglich sei. In Kuba wurde diese Frage zu 98% bejaht.

Russland bleibt populärer als die USA

Nach ihrer Haltung zu anderen Ländern befragt, bewerteten die Kubaner vor allem Bolivien, Ecuador und Venezuela positiv. Über 90% bezeichneten diese Länder als Freunde Kubas. Die USA hingegen landeten mit 53% weit abgeschlagen hinter Russland (71%), aber noch vor Nordkorea (43%). Eine überwältigende Mehrheit der Kubaner (97%) ist der Ansicht, dass der Normalisierungsprozess mit den USA gut für Kuba sei. 64% versprechen sich davon eine Veränderung des Wirtschaftssystems, während 37% von einer Veränderung des politischen Systems ausgehen. Zwar wünschen sich 52% der Befragten ein Mehrparteiensystem in Kuba, allerdings gehen nur 19% davon aus, dass dies umgesetzt wird.

Eindeutige Haltungen gab es auch bei anderen Fragen in Bezug auf die Vereinigten Staaten: So sprachen sich wenig überraschend 96% der Kubaner für das Ende der Wirtschaftsblockade aus, während 83% einen Besuch ihres Präsidenten in den USA begrüßen würden. Mit Blick auf die USA werden nochmals die ökonomischen Prioritäten der Kubaner deutlich: 43% wünschen sich (bei möglicher Mehrfachnennung) von ihrem nördlichen Nachbarn vor allem neue Supermärkte, dicht gefolgt von Wohngebäuden (41%), Apotheken (40%) und Autos (35%). Auf die Auswirkungen des zunehmendem Fremdenverkehrs angesprochen gaben 96% an, der Tourismus würde ihrem Land gut tun.

Raúl Castro beliebter als sein Bruder

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Die Umfrage offenbart einen eklatanten Unterschied zwischen verschiedenen Altersgruppen (Quelle: Washington Post)

Bei der Beliebtheit einzelner Personen schnitten Papst Franziskus und Barack Obama am besten ab. Jeweils 80% der Kubaner hatten eine positive Meinung von ihnen. Naturgemäß fällt die Zustimmung für das eigene Staatsoberhaupt weitaus geringer aus, lediglich 47% hatten demnach eine positive Meinung von Raúl Castro. Damit hat Kubas Präsident in seinem Land etwa die selben Zustimmungswerte wie Barack Obama in den USA, liegt aber innerhalb Kubas noch vor seinem Bruder Fidel, von dem 44% der Befragten eine positive Meinung hatten. Im lateinamerikanischen Vergleich genießt Raúl Castro damit die selben Zustimmungswerte wie Rafael Correa in Ecuador mit 46,5%, liegt aber deutlich vor Venezuelas Präsident Nicolás Maduro, der derzeit mit einem Umfragetief von 25% zu kämpfen hat. In Kuba hingegen wurde Maduro von 62% der Befragten positiv bewertet.

Interessant ist auch die demographische Komposition der Ergebnisse. So gaben sich in der Gruppe der 18 bis 49-jährigen 75% optimistisch mit Blick auf ihre Zukunft, bei den über 50-jährigen hingegen nur 68%. Noch eklatanter ist der Abstand bei den Hautfarben. 77% der sich als weiß bezeichnenden Kubaner sind demzufolge optimistisch, allerdings nur 57% der schwarzen. Dennoch sind die Afrokubaner überdurchschnittlich zufrieden mit dem Wirtschaftssystem der Insel. Die Zustimmung zum Einparteiensystem scheint in Kuba vor allem altersabhängig zu sein: So wünschen sich bei den 18 bis 49-jährigen 59% mehr als eine Partei, in der Gruppe der über 50-jährigen sind es lediglich 37% und bei den über 65-jährigen sogar nur 27%. Eine positive Meinung von der regierenden kommunistischen Partei hatten 27% der 18 bis 34-jährigen, jedoch 44% der 50 bis 64-jährigen.

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„Wie würden Sie die Kommunistische Partei Kubas (PCC) bewerten?“ (Quelle: Washington Post)

Fragt man nach der Beliebtheit Raúl Castros, vermutet man die größten Zustimmungswerte zurecht bei der älteren Bevölkerung. Tatsächlich ist Kubas Präsident in der Altersgruppe der 18 bis 34-jährigen nicht übermäßig populär, dort haben 43% eine positive Meinung von ihm. Am besten schneidet Raúl hingegen bei den über 65-jährigen mit 55% ab. Ähnlich verhält es sich im Falle Fidel Castros, der in der Gruppe der 50 bis 64-jährigen den größten Zuspruch (51%) genießt. Zudem haben 40% der weißen Bevölkerung, jedoch 51% der Afrokubaner eine positive Meinung von ihm. Auffällig ist auch die regionale Verteilung: Während Raúl Castro in Zentralkuba den höchsten Zuspruch (57%) erhält, ist Fidel Castro vor allem in Westkuba und Havanna beliebt, dort haben 58% der Einwohner eine positive Meinung von ihrem langjährigen Präsidenten.

Wie repräsentativ ist die Zusammensetzung der Umfrage?

Bei den demographischen Angaben offenbart sich allerdings auch die methodische Schwäche der Umfrage. Auf Nachfrage durch „Cuba heute“ erklärte die Washington Post, „dass die demographische Zusammensetzung der Befragten mit der Gesamtbevölkerung hinsichtlich des Geschlechts, der Region und der Hautfarbe verglichen wurde und den Regierungsangaben sehr nahe kommt.“ Lediglich das Alter der ungewichteten Stichprobe liege etwas unter dem Durchschnitt. Obwohl sich diese Einschätzung bestätigen lässt, scheint sich die soziale Zusammensetzung der Befragten in mancherlei Hinsicht von der Gesamtbevölkerung zu unterscheiden.

Auffällig war beispielsweise, dass 57% der Umfrageteilnehmer angaben, über einen eigenen Telefonanschluss in ihrem Haushalt zu verfügen. Offizielle Statistiken zeigen jedoch, dass in Kuba lediglich 29 Telefonanschlüsse pro 100 Einwohner vorhanden sind. Für dieses Phänomen fand die Washington Post nach Rücksprache mit Bendixen & Amandi eine schlüssige Erklärung. Auch den Interviewern vor Ort sei die übermäßige Telefondichte aufgefallen, „sie berichteten, dass viele die Frage nicht wie beabsichtigt verstanden und Telefonzugang im Haus mit dem Zugang zu einem Telefon im Rahmen ihrer Nachbarschaft interpretiert haben“, lautete die Antwort der Zeitung gegenüber „Cuba heute“.

Schwieriger wird es bei der Frage des Arbeitsplatzes. Bendixon & Amandi haben in Kuba genauso viele Staatsangestellte wie Arbeiter aus dem Privatsektor befragt, was jedoch starke Zweifel an der Repräsentativität der Stichprobe aufkommen lässt. Nach offiziellen Statistiken arbeiten derzeit lediglich 22% der kubanischen Beschäftigten im Privatsektor, was 12% der volljährigen Gesamtbevölkerung ausmacht. Fast jeder dritte Befragte gab bei der Umfrage jedoch an, im Privatsektor beschäftigt zu sein. Dies deutet auf eine urbane Tendenz innerhalb der ausgewählten Zielgruppe hin, bei der offenbar überproportional viele Privatunternehmer zu Worte kamen. Andere Umfragen, wie die „Cuba Survey“ des IRI, haben eine deutlich bessere Arbeit hinsichtlich der Auswahl eines repräsentativen Personenkreises geleistet. Eine Antwort der Washington Post auf diese Kritik steht bis heute aus.

Fazit

Meinungsumfragen sind in Kuba grundsätzlich mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Zum einen fehlt es oft an der geeigneten Infrastruktur um beispielsweise zufallsgenerierte Telefonumfragen durchführen zu können, zum anderen gestaltet sich der Umfrageprozess selbst höchst schwierig. Insbesondere bei brisanten politischen Themen, z.B. bei der Frage nach dem Einparteiensystem, verweigern teilweise über 20% der Befragten die Auskunft. Zudem ist vorstellbar, dass überzeugte Anhänger der Revolution sich aus Prinzip nicht an derartigen Umfragen beteiligen. Die Auswahl eines repräsentativen Personenkreises scheint selbst großen Meinungsforschungsinstituten in Kuba noch immer zu misslingen. Nicht zuletzt werden manche Fragen vollkommen unterschiedlich interpretiert, wie das Beispiel der Telefonanschlüsse zeigt.

Ungeachtet ihrer methodischen Schwächen gibt die Umfrage von Bendixon & Amandi zumindest einen ersten Einblick in das Denken einiger Kubaner. Trotz der üblichen Fehlerquote von 5 Prozent und einer nicht vollständig repräsentativen Zielgruppe, lassen sich vor allem bei den eindeutig beantworteten Fragen Rückschlüsse auf die Haltung der Bevölkerung ziehen, zumal die Erhebung landesweit in allen Provinzen (mit Ausnahme der Insel der Jugend) proportional zur Einwohnerzahl durchgeführt wurde. Dennoch stellt die Umfrage vor allem eine Momentaufnahme dar. Insbesondere bei kontroversen Themen bleibt ein großer Unsicherheitsfaktor, weshalb die Ergebnisse grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen sind.

Anhang

Kuba reformiert das Hochschulwesen

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Die Universität von Camagüey (Quelle: Juventud Rebelde)

Havanna. Kubas Regierung will bis zum Jahr 2016 eine landesweite Hochschulreform zum Abschluss bringen, um die Qualität der Bildungseinrichtungen zu erhöhen und die verfügbaren Mittel effizienter zu nutzen. Im Rahmen dieses Prozesses sollen in den einzelnen Provinzen mehrere Hochschulen zu zentralen Bildungseinrichtungen zusammengefasst werden.

Bei der Reform gehe es nicht um das simple „Addieren“ der Einrichtungen, sondern um die Schaffung einer neuen Universität, „mit einem stärker multidisziplinären Charakter und mit höheren Immatrikulationsziffern“, sagte Santiago Lajes Choy, Direktor der Universität Camagüey, gegenüber der Tageszeitung „Juventud Rebelde“.

Kuba verfügt derzeit über 59 Hochschuleinrichtungen, darunter 22 Universitäten, die dem Ministerium für Hochschulbildung unterstehen. Im Rahmen der Reform soll für jede der 16 Provinzen eine spezifische Strategie entwickelt werden, um die Zusammenlegung der Standorte möglichst sinnvoll umzusetzen. Die Konzentration der Universitäten wird von Investitionen in neue Lehrmaterialien sowie technischen Sanierungsmaßnahmen begleitet. Auch die Schulung des Hochschulpersonals zählt zu den Maßnahmen der Reform.

Die Provinzen Artemisa, Mayabeque und die Insel der Jugend machten 2012 den Anfang bei der Umstrukturierung, in diesem Jahr werden die Provinzen Pinar del Río, Las Tunas, Granma, Holguín und Santiago de Cuba folgen. 2016 soll die Reform in der Hauptstadt Havanna ankommen und damit landesweit abgeschlossen werden. Kuba gibt jedes Jahr zwölf Prozent seiner Wirtschaftsleistung für sein Bildungssystem aus, ein Drittel davon wird für die Finanzierung der Hochschulen verwandt.

von Marcel Kunzmann / Amerika21

Havanna investiert in Kinderkrippen

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Mit der Neueröffnung und Sanierung von Kinderkrippen will Kuba die Bedingungen für junge Mütter verbessern (Quelle: Cubadebate)

Kubas Gesellschaft wird immer älter. Aus diesem Grund will die Regierung in den kommenden Jahren Maßnahmen ergreifen, um dem demographischen Wandel entgegen zu wirken. Hierzu gehört auch der Neubau sowie die Sanierung von Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder. Im vergangenen Jahr konnten allein in Havanna elf geschlossene Kindertagesstätten ihre Tore wieder öffnen.

Nach Angaben des letzten Zensus aus dem Jahr 2012 sind 18,3 Prozent der Kubaner heute über 60 Jahre alt, im Jahr 2030 werden es gut 30 Prozent sein. In den letzten Jahren hat sich die Geburtenrate auf 1,5 Kinder pro Frau reduziert – bei einer Lebenserwartung von gut 79 Jahren und konstanter Emigration. Kuba steht damit vor ähnlichen demographischen Herausforderungen, wie man sie sonst eigentlich nur aus reichen Industrienationen kennt.

Derzeit versucht die Regierung deshalb ein umfassendes Konzept zur Bewältigung des demographischen Wandels zu entwickeln. Dieses umfasst ein Bündel von Maßnahmen, die an verschiedenen Stellen ansetzen. So wurden beispielsweise im letzten Jahr zahlreiche Altenheime und Betreuungseinrichtungen für Alzheimer-Erkrankte saniert. Aber auch mit der Wiederherstellung ehemals geschlossener Kindertagesstätten wurde bereits begonnen.

In diesem Jahr wird das Programm an Fahrt aufnehmen, allein in Havanna sollen 18 Kinderkrippen die im Laufe der Sonderperiode geschlossen wurden, neu eröffnet werden. Zusätzlich werden 198 der 423 Krippen in der Hauptstadt saniert, dadurch sollen 1.300 neue Plätze entstehen. Landesweit gibt es in Kuba etwa 1.000 solcher Einrichtungen – mit steigendem Bedarf. Auch in Kuba leiden junge Mütter oftmals unter der Doppelbelastung von Familie und Beruf, weshalb die staatlichen Betreuungseinrichtungen einen wichtigen Teil des Bildungsnetzes darstellen. Seit 2008 hat sich die Anzahl der betreuten Kinder von 130.000 auf 140.000 erhöht.

Um die Lage der jungen Müttern auf dem Land zu verbessern, sollen weitere Kindertagestätten in entlegenen Gebieten errichtet werden, die bisher noch nicht über solche Einrichtungen verfügen. Zudem plant das Gesundheitsministerium die Betreung von Schwangeren weiter auszubauen um die Müttersterblichkeit zu senken. Arbeitende Frauen mit mehreren Kindern sollen bei der Vergabe von Krippenplätzen bewusst bevorzugt werden. Leitbild der demographischen Politik des Landes ist eine Familie mit mindestens zwei Kindern.

Kuba gibt weltweit am meisten für Bildung aus

En el aula. Foto: Ismael Francisco/Cubadebate

Kuba hat eine der höchsten Einschulungsraten des amerikanischen Kontinents (Quelle: Cubadebate)

Havanna. Nach Angaben eines Berichts der Weltbank befinden sich Kuba, Bolivien und Venezuela unter den zehn Staaten, die weltweit am meisten für Bildung ausgeben. Die Studie bezieht sich auf den Zeitraum 2009 bis 2013 und misst die staatlichen Bildungsausgaben in Relation zum Brutttoinlandsprodukt (BIP).

Den ersten Platz weltweit belegte dabei das sozialistische Kuba, das im Jahr 2010 knapp 13 Prozent des BIPs in die Bildung seiner Bürger investierte. Platz zwei belegte der südostasiatische Staat Osttimor mit 10,5 Prozent des BIP.

Venezuela und Bolivien landeten mit je 6,9 Prozent auf dem achten und neunten Platz. In Lateinamerika folgen sie jedoch direkt nach Kuba. Auf dem dritten Rang bei den Bildungsausgaben des Kontinents kommt Costa Rica, gefolgt von Argentinien mit je 6,3 Prozent.

von Marcel Kunzmann / Amerika21