Kubaner bekommen erstmals symbolische Arztrechnungen

Kubas Gesundheitssystem bleibt weiterhin kostenlos, allerdings erfahren Patienten jetzt, wie viel der Staat für ihre Behandlung aufwendet (Quelle: BBC)

Im Rahmen einer neuen Kampagne erhalten Patienten in den Krankenhäusern der kubanischen Hauptstadt Havanna erstmals symbolische Rechnungen für die in Anspruch genommenen medizinischen Dienstleistungen. Dies soll das Bewusstsein für den Wert der Leistungen schärfen, die auf Kuba für alle unentgeltlich sind. Am kostenlosen und universellen Charakter des Gesundheitssystems soll sich indes auch in Zukunft nichts ändern.

Wie das kubanische Fernsehen berichtet, hat die neue Kampagne unter dem Motto: „Deine Gesundheit ist gratis, aber sie kostet“ bereits in einigen Einrichtungen Havannas begonnen. „Das ist eine sehr effektive Methode, damit die Leute lernen, was wir haben wert zuschätzen und darauf aufzupassen“, sagte ein Krankenhauspatient nach Erhalt seiner „symbolischen Rechnung“ in Havanna gegenüber dem TV-Reporter.

„Das hilft auch unseren Institutionen, besser einzuschätzen was wir investieren und verpflichtet uns stärker auf die Kosten zu schauen, etwas dem schon lange keine adäquate Beachtung mehr geschenkt wird“, kommentierte der Arzt Miguel Angel Martínez die Maßnahme. „Es ist nicht beabsichtigt, dass für die Gesundheitsdienstleistungen Geld verlangt wird. Das wurde weder vom Ministerium noch von der Regierung jemals in Erwägung gezogen“, beteuerte indes Miosotis Moreno, wirtschaftliche Direktorin des Gesundheitsministeriums (MINSAP).

Einige Preise für medizinische Leistungen (CUP) wurden bereits 2012 in Kubas Zeitungen veröffentlicht (Quelle: resumenlatinoamericano.org)

Bereits im Jahr 2012 startete Kubas Regierung eine Kampagne mit dem selben Motto, damals wurden Preise für einzelne medizinische Eingriffe in der staatlichen Tageszeitung „Granma“ veröffentlicht. Ein Gespräch mit einem Arzt kostet den Staat beispielsweise 37 Pesos (ca. 1,50 €), eine Röntgenuntersuchung kostet 100 Pesos (ca. 4 €) während ein Krankenhaustag im Therapiesaal mit umgerechnet etwa 30 € zu Buche schlägt. Mit den symbolischen Rechnungen soll vor allem ein Bewusstsein für das Ausmaß der staatlichen unentgeltlichen staatlichen Dienstleistungen geschaffen werden. Kuba gibt jedes Jahr rund 20 Prozent des Staatshaushalts für sein Gesundheitswesen aus.

Kuba garantiert ausgewanderten Ärzten die Rückkehr

medicos-cubanos-701x436

Kubanische Ärzte sind in mehr als 60 Ländern im Einsatz (Quelle: yusnaby.com)

Das kubanische Gesundheitsministerium veröffentlichte jüngst eine Stellungnahme, in der legal oder illegal ausgewanderten Ärzten die Rückkehr nach Kuba und eine Stelle im Gesundheitswesen angeboten wird. Angesichts des Endes der gezielten Abwerbung von Ärzten „erneuert das Ministerium seine Bereitschaft, Fachkräften, die ihre Stellen in Missionen im Ausland aufgegeben haben, nach Kuba zurückzukehren und sich wieder ins nationale Gesundheitswesen einzugliedern“, heißt es in dem Statement.

Die Stellungnahme wurde am 3. Februar in den überregionalen Tageszeitungen und anderen Medien veröffentlicht. Das kubanische Gesundheitsministerium biete den abgewanderten Fachkräften bereits seit 2014 diese Möglichkeit. Angesichts der „aktuellen Umstände“ wurde die Bereitschaft zur Wiederaufnahme jedoch abermals bekräftigt.

US-Präsident Obama beendete Mitte Januar die seit Jahrzehnten bestehende „Wet-feet-dry-feet„-Politik, wonach Kubanern, die das Territorium der USA erreichen, nach einem Jahr automatisch die US-Staatsbürgerschaft zugestanden wird. Kuba verurteilte die Politik als einseitige Diskriminierung und Motivation für illegale und gefährliche Migrationsbewegungen. Jedes Jahr ertrinken hunderte kubanische Auswanderer in der Floridastraße, weil sie versuchen über den Seeweg in die USA zu gelangen.

Ebenfalls von Obama beendet wurde das seit 2006 bestehende „Parole Program“, mit dem gezielt Ärzte abgeworben wurden, die in kubanischen Missionen im Ausland aktiv sind. Derzeit arbeiten mehr als 50.000 kubanische Ärzte, Pfleger, Instrukteure und andere Fachkräfte vor allem in Venezuela, Brasilien und anderen lateinamerikanischen Ländern.

Kuba schickt Hilfsbrigade nach Haiti

f0069619

Die Brigade Henry Reeve vor dem Abflug (Quelle: Granma)

Kuba hat seine Hilfsbrigade „Henry Reeve“ nach Haiti geschickt, wo Hurrikan Matthew vor wenigen Tagen schwere Schäden angerichtet hat. Nach letzten Angaben kamen in Haiti in Folge des Sturms über 900 Menschen ums Leben. Hilfsorganisationen warnen vor einer humanitären Katastrophe durch das Auftreten einer Cholera-Epidemie.

Rückkehr der Cholera in Haiti

Die Brigade „Henry Reeve“ wurde im Jahr 2005 gegründet. Die aktuelle Delegation besteht aus 38 Ärzten und Gesundheitsspezialisten. Sie sollen die über 600 bereits im permanenten Einsatz befindlichen kubanischen Ärzte in Haiti bei der Katastrophenhilfe unterstützen. Die Helfer starteten am Freitag gegen 11:30 Uhr Ortszeit von Havanna aus in die haitianische Hauptstadt Port-au-Prince.

Dort ist die Lage weiter angespannt. Im Südwesten der Insel gab es am Samstag einen erneuten Cholera-Ausbruch, bei dem laut der Nachrichtenagentur Reuters bereits 13 Menschen ums Leben kamen. Viele Kliniken in Haiti wurden durch den Sturm zerstört, es mangelt vielerorts an medizinischem Personal und sauberem Trinkwasser.

„2016 wurden über 27.000 Cholerafälle in Haiti gemeldet und über 240 Menschen sind gestorben. Es wird befürchtet, dass Hurrikan Matthew die Situation deutlich verschlimmert und das Risiko eines größeren Ausbruchs erhöht“, sagte der Central Emergency Respond Fund der Vereinten Nationen in einem Statement.

Wiederaufbau in Baracoa

Kuba hat selbst an den Folgen von Hurrikan Matthew zu leiden, der am Dienstag zahlreiche Gemeinden der Provinz Guantánamo verwüstet hat. Mehr als eine Millionen Menschen wurden im Vorfeld durch die Behörden evakuiert. Obwohl keine menschlichen Verluste zu beklagen waren, sind tausende Gebäude von den Schäden betroffen.

f0069571

Auch in Kuba laufen derzeit die Aufbauarbeiten nach dem Hurrikan wie hier in der Nähe von Baracoa (Quelle: Granma)

Seit Freitag ist die am schwersten betroffene Stadt Baracoa wieder auf dem Landweg erreichbar. Die Bergstraße, welche Baracoa mit Guantánamo verbindet, war durch Erdrutsche und Einbrüche tagelang unpassierbar. Am selben Tag konnte auch die Festnetz- und Mobiltelefonie repariert werden. Derzeit arbeiten mehrere Hilfsbrigaden aus den benachbarten Provinzen an der Wiederherstellung der Strom- und Trinkwasserversorgung.

Nach einem vorläufigen Bericht des kommunalen Verteidigungsrats sind in Baracoa 9.210 Wohngebäude von den Schäden betroffen, was etwa 70 Prozent aller Wohngebäude der Stadt entspricht. Mehr als 5.000 von ihnen wurden komplett zerstört. Mehr als 4.000 Dächer wurden komplett zerstört, über 3.000 beschädigt. Zur Stunde sind nach Behördenangaben bereits 7.000 Dachplatten aus Faserzement in der Stadt eingetroffen, deren Verteilung bereits begonnen hat.

Über 90 Prozent der Strommasten und Transformatoren sind als Totalverluste gemeldet und müssen ersetzt werden, was laut Angaben des Energieversorgers UNE bis zu 20 Tage in Anspruch nehmen kann. Derzeit werden bereits Stromgeneratoren aufgebaut, damit in einem ersten Schritt zunächst die Bäckerei der Stadt ihre Arbeit wieder aufnehmen kann.

Guatemala verweigert Ärzten aus Kuba Gehalt

5805-fotografia-g

Eine Ärztin des kubanischen Teams in Guatemala (Quelle: Juventud Rebelde)

Guatemala-Stadt. Mindestens 147 kubanische Ärzte, die auf Vertragsbasis in Guatemala arbeiten, spüren derzeit die Auswirkungen der jüngsten Korruptionsskandale im Gesundheitssystem des Landes. Nach Angaben des Vize-Gesundheitsministers von Guatemala, Pablo Werne, könnten die kubanischen Ärzte wegen „finanzieller Schwierigkeiten“ derzeit nicht bezahlt werden.

Am schwersten betroffenen sind zehn Mediziner, die seit gut zwei Monaten nicht in der Lage sind, in ihre Heimat zurückzukehren, da sie keinerlei Lohnzahlungen empfangen haben. Die kubanische Botschaft in Guatemala insistierte derweil auf der Bezahlung der kubanischen Ärzte, deren Monatslohn bei 900 US-Dollar liegt. Derzeit arbeiten 463 kubanische Mediziner in dem mittelamerikanischen Land.

Seit April durchlebt Guatemala eine institutionelle Krise, nachdem der umfangreiche Steuerbetrug im Sekretariat der ehemaligen Vizepräsidentin Roxana Beldetti aufgedeckt wurde. Während Beldetti im Mai zurücktrat, wurden mittlerweile zahlreiche hochrangige Regierungsmitglieder verhaftet, unter anderem der Chef der Zentralbank, der Leiter der Sozialbehörde (IGSS) und der Arbeitsminister.

Die häufiger werdenden Fälle von Korruption haben zuletzt auch zu steigender Armut und einer Verschlechterung der medizinischen Versorgung geführt.

von Marcel Kunzmann  / Amerika21

Kubanische Ärzte in Nepal behandelten nach Erdbeben über 4.600 Patienten

Médicos-en-Nepal

Die kubanische Ärztebrigade Henry Reeves im Einsatz in Nepal (Quelle: Cubadebate)

Kathmandu/Havanna. Die kubanische Ärztebrigade Henry Reeves hat seit ihrer Ankunft in Nepal Mitte Mai bereits 4.610 Patienten behandelt und 52 chirurgische Eingriffe durchgeführt. Dies berichtete jüngst das kubanische Nachrichtenportal „Cubadebate“. Am 25. April 2015 erschütterte ein schweres Erdbeben das asiatische Land, bis heute forderte die Katastrophe über 8.000 Todesopfer.

Wenige Wochen nach dem Erdbeben sandten Kuba und Venezuela Ärzte und Pflegepersonal, um die überlasteten Gesundheitseinrichtungen vor Ort zu unterstützen. Das kubanische Team erreichte den Einsatzort Kathmandu am 14. Mai. Bereits in der ersten Woche nach ihrer Ankunft gelang es den 49 Ärzten und Krankenschwestern, rund 1.000 Patienten vor Ort zu behandeln. Neben einer mobilen OP-Klinik brachten die Kubaner auch Labore, Ultraschallgeräte und andere Ausrüstungen in die Krisenregion.

Das sozialistische Kuba verfügt über eine lange Tradition internationaler Hilfseinsätze und medizinischer Katastrophenhilfe. Im Jahr 2010 schickte das Land über 1.200 Ärzte nach Haiti, um den Cholera-Ausbruch nach der damaligen Erdbebenkatastrophe zu bekämpfen. Zuletzt waren vergangenes Jahr Hunderte kubanische Mediziner beim Kampf gegen die Ebola-Epidemie in Westafrika im Einsatz.

von Marcel Kunzmann / Amerika21

Analyse: Wie zufrieden sind die Kubaner?

revolution201426013110

Was denken die Kubaner über ihre Revolution? (Quelle: Washington Post)

Die Mehrzahl der Kubaner begrüßt die Gespräche mit den USA und blickt optimistisch in die eigene Zukunft. Dies ist Ergebnis einer aktuellen Erhebung, die vor wenigen Wochen auf Kuba durchgeführt wurde. Im Auftrag der Washington Post ermittelte das amerikanische Meinungsforschungsinstitut Bendixon & Amandi die Haltung von 1.200 Kubanern zu einem breiten Katalog unterschiedlicher Themen. Dabei heraus kam ein einzigartiges Stimmungsbild vom Stand der öffentlichen Meinung auf der Insel, das jedoch aufgrund der ausgewählten Stichprobe mit Vorsicht zu genießen ist.

Kuba – ein schwieriges Pflaster für Meinungsforscher

Meinungsumfragen sind für die meisten Kubaner nichts neues. Die Regierung nutzt schon seit Jahrzehnten die Methode der empirischen Sozialforschung, um die Stimmung im Land zu erfassen und Problemfelder näher zu bestimmen. Für ausländische Meinungsforscher hingegen ist Kuba ein schwieriges Pflaster. Die Behörden reagieren äußerst misstrauisch gegenüber Ausländern, die mit Fragebögen von Haus zu Haus gehen. Im aktuellen Fall von Bendixon & Amandi hat dies eine verdeckte Rekrutierung der kubanischen Interviewer erforderlich gemacht.

„Bereits nach drei oder vier Tagen haben wir erfahren, dass drei unserer vier Interviewer verhaftet wurden“, berichtet Fernand Amandi, der Leiter der Umfrage. Dennoch gelang es dem Team zwischen dem 17. und 27. März alle geplanten Interviews abzuschließen. Obwohl auch andere Institute (z.B. das IRI) mehr oder weniger regelmäßige Meinungsumfragen in Kuba durchführen, stach die jüngste Umfrage vor allem durch die Aktualität in Folge der Wiederannäherung an die USA sowie durch ihren Umfang hervor. Selten gelingt es ausländischen Meinungsforschern, mehr als 1.000 Kubaner zu derart vielen Aspekten zu befragen. Von internationalen Medien wurde die Erhebung entsprechend breit rezipiert. Doch nicht nur deshalb lohnt sich ein näherer Blick auf die Ergebnisse.

Optimismus und der Wunsch nach Wohlstand

Zunächst einmal fällt auf, dass die meisten Kubaner frohen Mutes in die Zukunft blicken. 73% der Befragten äußerten sich mit Blick auf ihre eigene Zukunft und die ihrer Familie optimistisch, 55% gehen von der Verwirklichung ihrer Wünsche innerhalb der nächsten fünf Jahre aus. Zu diesen gehört für 64% der Befragten eine Auslandsreise. Ganze 37% der Kubaner wollen der Umfrage zu Folge ein Geschäft eröffnen, während sich 34% ein Auto wünschen – hier waren auch Mehrfachnennungen möglich.

Auf die Frage: „Was benötigt das kubanische Volk derzeit am dringendsten?“ forderten 24% der Befragten ein offenes politisches System, genauso viele wünschten sich eine Verbesserung ihrer Lebensqualität. Mit 48% stand jedoch für die meisten eine besser funktionierende Wirtschaft an erster Stelle. Nur 19% der Befragten Kubaner zeigten sich mit dem derzeitigen Wirtschaftssystem zufrieden, womit die ökonomischen Schwierigkeiten gegenüber allen anderen Aspekten hervorstechen.

Kubas politisches System im Vergleich

big-system

So zufrieden sind die Kubaner mit… (Quelle: Washington Post)

Immerhin 39% gaben an, mit dem politischen System zufrieden zu sein, während 34% „überhaupt nicht zufrieden“ mit der Politik ihres Landes sind. Der Grund hierfür liegt für 49% an mangelnder Freiheit, während an zweiter Stelle (26%) abermals das Ausbleiben wirtschaftlicher Entwicklung genannt wurde. 19% hingegen führten die abstrakte Aussage „Wir brauchen Veränderung“ als Ursache für ihre politische Unzufriedenheit ins Feld.

Im lateinamerikanischen Kontext schneidet das politische System Kubas nicht so schlecht ab, wie diese Zahlen zunächst suggerieren. Nur 34% aller Lateinamerikaner vertrauen aktuellen Erhebungen zu Folge ihren jeweiligen Parlamenten. In Peru beispielsweise gaben jüngst gerade einmal 25% der Befragten an, ihrer Regierung zu vertrauen. Lediglich 28% der Peruaner sind mit der Demokratie in ihrem Land zufrieden. In Kolumbien liegt dieser Wert bei 39, in Brasilien und Argentinien bei 49 und in Ecuador bei 56%.

Überdurchschnittlich bewertet wurden hingegen die kubanischen Sozialsysteme, auch wenn es gegenüber älteren Erhebungen einen leichten Rückgang gab. 68% der Kubaner sind heute mit dem Gesundheitssystem auf der Insel zufrieden. Die hohe Zufriedenheit deckt sich mit den Ergebnissen einer früheren Gallup-Umfrage, wonach im Jahr 2007 gut 75% der Kubaner angaben, Vertrauen in ihr Gesundheitswesen zu haben – gegenüber 57% im Rest Lateinamerikas. Mit 72% Zufriedenheit wurde das Bildungssystem geringfügig besser bewertet als die Gesundheitsfürsorge. Auch hier lag Kuba bereits 2007 mit 78% gegenüber 59% im lateinamerikanischen Durchschnitt deutlich vorne. Damals gaben lediglich die Hälfte der Lateinamerikaner an, dass Bildung in ihrem Land für alle zugänglich sei. In Kuba wurde diese Frage zu 98% bejaht.

Russland bleibt populärer als die USA

Nach ihrer Haltung zu anderen Ländern befragt, bewerteten die Kubaner vor allem Bolivien, Ecuador und Venezuela positiv. Über 90% bezeichneten diese Länder als Freunde Kubas. Die USA hingegen landeten mit 53% weit abgeschlagen hinter Russland (71%), aber noch vor Nordkorea (43%). Eine überwältigende Mehrheit der Kubaner (97%) ist der Ansicht, dass der Normalisierungsprozess mit den USA gut für Kuba sei. 64% versprechen sich davon eine Veränderung des Wirtschaftssystems, während 37% von einer Veränderung des politischen Systems ausgehen. Zwar wünschen sich 52% der Befragten ein Mehrparteiensystem in Kuba, allerdings gehen nur 19% davon aus, dass dies umgesetzt wird.

Eindeutige Haltungen gab es auch bei anderen Fragen in Bezug auf die Vereinigten Staaten: So sprachen sich wenig überraschend 96% der Kubaner für das Ende der Wirtschaftsblockade aus, während 83% einen Besuch ihres Präsidenten in den USA begrüßen würden. Mit Blick auf die USA werden nochmals die ökonomischen Prioritäten der Kubaner deutlich: 43% wünschen sich (bei möglicher Mehrfachnennung) von ihrem nördlichen Nachbarn vor allem neue Supermärkte, dicht gefolgt von Wohngebäuden (41%), Apotheken (40%) und Autos (35%). Auf die Auswirkungen des zunehmendem Fremdenverkehrs angesprochen gaben 96% an, der Tourismus würde ihrem Land gut tun.

Raúl Castro beliebter als sein Bruder

age-gap

Die Umfrage offenbart einen eklatanten Unterschied zwischen verschiedenen Altersgruppen (Quelle: Washington Post)

Bei der Beliebtheit einzelner Personen schnitten Papst Franziskus und Barack Obama am besten ab. Jeweils 80% der Kubaner hatten eine positive Meinung von ihnen. Naturgemäß fällt die Zustimmung für das eigene Staatsoberhaupt weitaus geringer aus, lediglich 47% hatten demnach eine positive Meinung von Raúl Castro. Damit hat Kubas Präsident in seinem Land etwa die selben Zustimmungswerte wie Barack Obama in den USA, liegt aber innerhalb Kubas noch vor seinem Bruder Fidel, von dem 44% der Befragten eine positive Meinung hatten. Im lateinamerikanischen Vergleich genießt Raúl Castro damit die selben Zustimmungswerte wie Rafael Correa in Ecuador mit 46,5%, liegt aber deutlich vor Venezuelas Präsident Nicolás Maduro, der derzeit mit einem Umfragetief von 25% zu kämpfen hat. In Kuba hingegen wurde Maduro von 62% der Befragten positiv bewertet.

Interessant ist auch die demographische Komposition der Ergebnisse. So gaben sich in der Gruppe der 18 bis 49-jährigen 75% optimistisch mit Blick auf ihre Zukunft, bei den über 50-jährigen hingegen nur 68%. Noch eklatanter ist der Abstand bei den Hautfarben. 77% der sich als weiß bezeichnenden Kubaner sind demzufolge optimistisch, allerdings nur 57% der schwarzen. Dennoch sind die Afrokubaner überdurchschnittlich zufrieden mit dem Wirtschaftssystem der Insel. Die Zustimmung zum Einparteiensystem scheint in Kuba vor allem altersabhängig zu sein: So wünschen sich bei den 18 bis 49-jährigen 59% mehr als eine Partei, in der Gruppe der über 50-jährigen sind es lediglich 37% und bei den über 65-jährigen sogar nur 27%. Eine positive Meinung von der regierenden kommunistischen Partei hatten 27% der 18 bis 34-jährigen, jedoch 44% der 50 bis 64-jährigen.

Bildschirmfoto 2015-05-08 um 17.21.55

„Wie würden Sie die Kommunistische Partei Kubas (PCC) bewerten?“ (Quelle: Washington Post)

Fragt man nach der Beliebtheit Raúl Castros, vermutet man die größten Zustimmungswerte zurecht bei der älteren Bevölkerung. Tatsächlich ist Kubas Präsident in der Altersgruppe der 18 bis 34-jährigen nicht übermäßig populär, dort haben 43% eine positive Meinung von ihm. Am besten schneidet Raúl hingegen bei den über 65-jährigen mit 55% ab. Ähnlich verhält es sich im Falle Fidel Castros, der in der Gruppe der 50 bis 64-jährigen den größten Zuspruch (51%) genießt. Zudem haben 40% der weißen Bevölkerung, jedoch 51% der Afrokubaner eine positive Meinung von ihm. Auffällig ist auch die regionale Verteilung: Während Raúl Castro in Zentralkuba den höchsten Zuspruch (57%) erhält, ist Fidel Castro vor allem in Westkuba und Havanna beliebt, dort haben 58% der Einwohner eine positive Meinung von ihrem langjährigen Präsidenten.

Wie repräsentativ ist die Zusammensetzung der Umfrage?

Bei den demographischen Angaben offenbart sich allerdings auch die methodische Schwäche der Umfrage. Auf Nachfrage durch „Cuba heute“ erklärte die Washington Post, „dass die demographische Zusammensetzung der Befragten mit der Gesamtbevölkerung hinsichtlich des Geschlechts, der Region und der Hautfarbe verglichen wurde und den Regierungsangaben sehr nahe kommt.“ Lediglich das Alter der ungewichteten Stichprobe liege etwas unter dem Durchschnitt. Obwohl sich diese Einschätzung bestätigen lässt, scheint sich die soziale Zusammensetzung der Befragten in mancherlei Hinsicht von der Gesamtbevölkerung zu unterscheiden.

Auffällig war beispielsweise, dass 57% der Umfrageteilnehmer angaben, über einen eigenen Telefonanschluss in ihrem Haushalt zu verfügen. Offizielle Statistiken zeigen jedoch, dass in Kuba lediglich 29 Telefonanschlüsse pro 100 Einwohner vorhanden sind. Für dieses Phänomen fand die Washington Post nach Rücksprache mit Bendixen & Amandi eine schlüssige Erklärung. Auch den Interviewern vor Ort sei die übermäßige Telefondichte aufgefallen, „sie berichteten, dass viele die Frage nicht wie beabsichtigt verstanden und Telefonzugang im Haus mit dem Zugang zu einem Telefon im Rahmen ihrer Nachbarschaft interpretiert haben“, lautete die Antwort der Zeitung gegenüber „Cuba heute“.

Schwieriger wird es bei der Frage des Arbeitsplatzes. Bendixon & Amandi haben in Kuba genauso viele Staatsangestellte wie Arbeiter aus dem Privatsektor befragt, was jedoch starke Zweifel an der Repräsentativität der Stichprobe aufkommen lässt. Nach offiziellen Statistiken arbeiten derzeit lediglich 22% der kubanischen Beschäftigten im Privatsektor, was 12% der volljährigen Gesamtbevölkerung ausmacht. Fast jeder dritte Befragte gab bei der Umfrage jedoch an, im Privatsektor beschäftigt zu sein. Dies deutet auf eine urbane Tendenz innerhalb der ausgewählten Zielgruppe hin, bei der offenbar überproportional viele Privatunternehmer zu Worte kamen. Andere Umfragen, wie die „Cuba Survey“ des IRI, haben eine deutlich bessere Arbeit hinsichtlich der Auswahl eines repräsentativen Personenkreises geleistet. Eine Antwort der Washington Post auf diese Kritik steht bis heute aus.

Fazit

Meinungsumfragen sind in Kuba grundsätzlich mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Zum einen fehlt es oft an der geeigneten Infrastruktur um beispielsweise zufallsgenerierte Telefonumfragen durchführen zu können, zum anderen gestaltet sich der Umfrageprozess selbst höchst schwierig. Insbesondere bei brisanten politischen Themen, z.B. bei der Frage nach dem Einparteiensystem, verweigern teilweise über 20% der Befragten die Auskunft. Zudem ist vorstellbar, dass überzeugte Anhänger der Revolution sich aus Prinzip nicht an derartigen Umfragen beteiligen. Die Auswahl eines repräsentativen Personenkreises scheint selbst großen Meinungsforschungsinstituten in Kuba noch immer zu misslingen. Nicht zuletzt werden manche Fragen vollkommen unterschiedlich interpretiert, wie das Beispiel der Telefonanschlüsse zeigt.

Ungeachtet ihrer methodischen Schwächen gibt die Umfrage von Bendixon & Amandi zumindest einen ersten Einblick in das Denken einiger Kubaner. Trotz der üblichen Fehlerquote von 5 Prozent und einer nicht vollständig repräsentativen Zielgruppe, lassen sich vor allem bei den eindeutig beantworteten Fragen Rückschlüsse auf die Haltung der Bevölkerung ziehen, zumal die Erhebung landesweit in allen Provinzen (mit Ausnahme der Insel der Jugend) proportional zur Einwohnerzahl durchgeführt wurde. Dennoch stellt die Umfrage vor allem eine Momentaufnahme dar. Insbesondere bei kontroversen Themen bleibt ein großer Unsicherheitsfaktor, weshalb die Ergebnisse grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen sind.

Anhang

Kubanisches Medikament erhält Auszeichnung

15339685942_175f23e3ec_z

Die Weltorganisation für geistiges Eigentum mit Sitz in Genf verleiht Kuba eine Goldmedallie (Quelle: Flickr)

Havanna. Ein neues kubanisches Medikament hat die Goldmedaille der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) erhalten. Dies vermeldete die kubanische Behörde für Industrieeigentum.

Der Wirkstoff „antiCD6“ basiert auf monoklonalen Antikörpern und wird zur Bekämpfung der Schuppenflechte eingesetzt. Er wurde vom 1994 gegründeten Zentrum für molekulare Immunforschung in Havanna (CIM) entwickelt.

Kurz nach der Ankündigung gab das Forschungsinstitut zudem den Start einer neuen digitalen Zeitschrift bekannt, um den Wissensaustausch von kubanischen Experten zu verbessern.

Am 23. April soll die Auszeichnung von Vertretern der WIPO auf dem Revolutionsplatz in der kubanischen Hauptstadt überreicht werden. Seit 2002 hat Kuba sechs Goldmedaillen für die Entwicklung von neuen Medikamenten erhalten, zuletzt im Jahr 2011 für den Wirkstoff „Heberprot-P“, der zur Therapie von Diabeteserkrankungen eingesetzt wird.

von Marcel Kunzmann / Amerika21