Kuba startet neuen Nachrichtensender in HD-Qualität

Logo des neuen TV-Senders „Canal Caribe“ (Quelle: Juventud Rebelde)

Vor genau einer Woche ging das Signal des kubanischen Fernsehsenders Canal Caribe zum ersten Mal „on air“. Mit dem neuen Nachrichtensender, der vor allem von jungen Journalisten produziert wird, will das kubanische Fernsehen den Stil seiner Berichterstattung modernisieren. Es ist der siebte TV-Sender der Insel und das erste Programm, welches exklusiv in HD-Qualität ausgestrahlt wird. Zum Empfang sind daher entsprechende Digitalreceiver Pflicht.

Canal Caribe wird seit vergangenem Dienstag in der Hauptstadt Havanna produziert, ist jedoch trotz des noch laufenden Testbetriebs bereits in den Provinzen Villa Clara, Matanzas und Sancti Spíritus zu empfangen. Canal Caribe sendet zwischen 8:30h Morgens und Mitternacht. Neben Nachrichten stehen auch je 25-Minüte Sport- und Kultursendungen auf dem Programm. Später sollen weitere Formate wie Diskussionsforen, Interviews, internationale Reportagen und Analysen folgen. Auch Wirtschaftsfragen sollen bei dem neuen Sender eine starke Rolle spielen.

Im Unterschied zu den bisherigen Nachrichtenformaten soll Canal Caribe neue Formen der Berichterstattung erproben, wozu auch mehr Liveberichte zählen. Junge Journalisten, die unter anderem bereits bei „Russia Today“ und „Telesur“ gelernt haben, sollen für einen frischen Moderationsstil sorgen. Kubas wichtigste Nachrichtensendung, der „Noticiero Estellar“, gilt vielen als verstaubt und dröge.

Zum Empfang des Senders ist ein Digitalreceiver notwendig. Seit 2014 stellt Kuba sein TV-System auf den digitalen Standard DTMB um, der bisher ausschließlich in China zum Einsatz kommt. Entsprechende Empfangsgeräte sind ab rund 30 CUC in den Läden erhältlich. Letzten November wurde mit dem „Gelect HD-WA17“ ein neuer kubanischer HD-Receiver vorgestellt, dessen Betriebssystem auf Android basiert und der in Zusammenarbeit mit China entwickelt wurde. Der Verkauf soll in den kommenden Monaten beginnen.


Vorstellung des neuen Senders in den kubanischen TV-Nachrichten

Staat verpachtet Zeitungskioske an Privatverkäufer

Havannas Zeitungskioske sehen oftmals sehr mitgenommen aus. Sie sollen an private Verkäufer verpachtet und vom Staat renoviert werden (Quelle: Cubanet)

In Kubas Hauptstadt Havanna wurde offenbar jüngst im Rahmen eines Experiments damit begonnen, die staatlichen Zeitungsverkaufsstände (Kioscos) an private Betreiber zu verpachten. Zeitungsverkäufer wäre damit ein weiterer von rund 200 Berufen, den die Bürger der Insel „auf eigene Rechnung“ ausüben dürfen.

Yordanka Díaz, Direktorin der Postverwaltung von Havannas Stadtteil „Plaza de la Revolución“, sagte gegenüber dem Blog „14ymedio“: „Es ist notwendig einen dreitägigen Kurs zu machen, danach kann der Interessent sich an die nationale Steuerverwaltung (ONAT) wenden, um eine Lizenz zu beantragen.“ In ihrem Gebiet gebe es lediglich drei Zeitungskioske, die noch nicht verpachtet sind. Vor allem Rentner und Hausfrauen würden die Glegenheit nutzen, sich auf diesem Weg wieder ins Arbeitsleben zu integrieren.

„Vorher hat mir der Staat einen Lohn von 120 Pesos (ca 5 €) bezahlt, heute muss ich täglich 10 Pesos an Abgaben entrichten. Der Preis für eine Zeitung bleibt bei 0,20 Pesos pro Exemplar, so dass ich 300 Zeitungen täglich verkaufen müsste um drei Pesos zu verdienen, aber die Leute „helfen“ mir“, sagte eine der neuen privaten Verkäuferinnen in der Calle 26 gegenüber dem Medium. Üblicherweise wird in Havanna für eine Zeitung ein Peso bezahlt, während die Verkäufer ihre Zeitungen für 0,19 Pesos beim Staat beziehen und eigentlich für 0,20 Pesos verkaufen müssten.

„Es gibt Leute, die bezahlen 50 Centavos oder einen Peso. Und der Staat muss mir keinen Lohn mehr bezahlen, sondern verlangt von mir monatlich 300 Pesos. Sie verdienen, und auch ich verdiene heute mehr als früher… und alle sind zufrieden“, erklärte die Verkäuferin.

Im Rahmen des Experiments sollen sich private Verkäufer einen freien Stand in ihrer Nähe aussuchen können, den sie dann „auf eigene Rechnung“ betreiben. Der Staat will hierfür die Rahmenbedingungen verbessern und die oftmals sehr mitgenommenen Blechhütten wieder Instand setzen.

Díaz-Canel fordert Erneuerung der Medien

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Kubas Vizepräsident Miguel Díaz-Canel und UPEC-Präsident Antonio Moltó (rechts) (Quelle: Cubahora)

Kubas erster Vizepräsident Miguel Díaz-Canel setzte sich erneut für die Reformierung der kubanischen Medienlandschaft ein. Auf dem II. Treffen junger Journalisten, welches vergangene Woche in Havanna stattfand, forderte der 56-jährige Stellvertreter Raúl Castros, führende Stellen der kubanischen Medien mit jungen Nachwuchskräften zu besetzen. Er forderte die Journalisten dazu auf „mutiger“ zu agieren und neue Kommunikationsstrategien zu entwickeln.

Bei dem zweitägigen Treffen ging es um die Lage der kubanischen Medienlandschaft und deren aktuelle Herausforderungen. Mehr als 70 junge Journalisten aus allen Provinzen des Landes nahmen an der Tagung Teil, die von der journalistischen Berufsvereinigung UPEC im Zentrum für internationalen Journalismus in Havanna veranstaltet wurde. Kubas Vizepräsident Miguel Díaz-Canel war als Gast anwesend und analysierte auf dem Plenum die aktuellen Probleme der kubanischen Medien.

Auf dem IX. Kongress der „Union de Periodistas de Cuba„, der 2013 stattfand, wurde die Einführung eines neuen Pressegesetzes gefordert, welches Kubas Journalisten mehr Handlungsspielraum geben soll. Bisher weigern sich viele staatliche Stellen ausreichend Informationen an die Presse zu geben. Die Delegierten kritisierten schon damals jene als „secretismo“ (Geheimniskrämerei) betitelte Praxis. „Es gibt nur zwei Wege die wir gehen können: Entweder wir lösen das Problem zusammen und ein für alle Mal, oder die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft der kubanischen Medien wird einfach verschwinden“, sagte Díaz-Canel auf dem Kongress 2013.

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70 junge Journalistinnen und Journalisten machten Vorschläge zur Verbesserung der Medienarbeit in Kuba (Quelle: Juventud Rebelde)

Rund vier Jahre später sieht die Situation noch immer ernüchternd aus. „Obwohl der politische Wille vorhanden ist, hat sich dieses Gesetz verzögert, denn die Konkretisierung ist kompliziert und hat verschiedene Ebenen der Diskussion durchlaufen“, sagte Díaz-Canel letzte Woche gegenüber den Teilnehmern. Während das Gesetz noch in der Mache ist, müsse man möglichst viele Dinge innerhalb des bestehenden rechtlichen Rahmens ändern was derzeit bereits in einigen Provinzen geschehe, so Díaz-Canel.

Die Medien müssten ihre eigene Kommunikationsagenda entwickeln und gemeinsam diskutieren, forderte das Politbüromitglied. Hierzu müssten digitale Räume besser genutzt werden, auch um „subversiven Strategien“ der USA entgegenzuwirken. Junge Journalisten müssten hierfür in führenden Positionen die notwendigen Änderungen bei den Medien mitgestalten. Im Zuge der Digitalisierung des Fernsehbetriebs sollen neue Kanäle mit ansprechenden Programminhalten geschaffen werden.

Bei der Tagung wurde von den Teilnehmern eine 50 Punkte umfassende Liste gestaltet, die Vorschläge zur Verbesserung der kubanischen Medien liefert. Darin wurde unter anderem bessere Entlohnung, mehr Informationen über den rechtlichen Rahmen, bessere Aus- und Fortbildung, technische Modernisierung und die „Schaffung von mehr Räumen für Debatten über die öffentliche Agenda“ gefordert.

Das Recht, Fehler zu machen

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Bauernmarkt in Havanna (Quelle: miscelaneasdecuba)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf die kubanische Nationalhymne folgte das Feuerwerk. „¡Viva el Año 58 de la Revolución!“ rief der Ansager genau um Mitternacht durch den altehrwürdigen Parque Céspedes, dem Zentrum Santiago de Cubas. Zunächst brach das achtundfünfzigste Jahr der Revolution an, erst dann realisierten wir dass sich dieser Teil der Welt nun ebenfalls im Jahr 2016 befand. Obwohl auf jedem offiziellen Dokument und jeder Zeitung neben der gregorianischen Jahreszahl auch das Revolutionsjahr angegeben wird, hat mich die unerschütterliche Präsenz der kubanischen Zeitrechnung kurz überrascht.

Neujahr in Santiago de Cuba

Der Rum floss, begleitet von Musik, Ausgelassenheit und guter Stimmung. Die Menschen auf dem Platz umarmten sich und bald gingen die politischen Slogans des Ansagers in mir vertraute Kategorien von Neujahrswünschen über. Im Vestibül des nahegelegenen Hotels tranken die Touristen auf ihre Gesundheit während wir im Park den klaren Rum aus Plastikbechern stürzten. Was würde die Zeitenwende jener Insel bringen, auf der ich noch gut die Hälfte des eben angebrochenen Jahres zubringen sollte?

Bereits einige Tage zuvor war klar, dass das Jahr 58 der Revolution kein leichtes werden würde. Als sich Kubas Parlament in den letzten Dezembertagen traf, wurde als BIP-Wachstumsziel 2 Prozent genannt, die Hälfte des erreichten Wertes von 2015. Ein chinesischer Freund bezeichnete das bereits als Rezession. Und dabei sollte Kubas Wirtschaft doch mindestens 5 bis 7 Prozent pro Jahr zulegen damit der lang anhaltende Zirkel aus niedriger Produktivität, die zu niedrigen Löhnen führt, durchbrochen wird. Die Liste der Gründe für das geringe Wachstum ist kurz, plausibel und frustrierend zugleich: schwierige außenpolitische Umstände (die Krise in Venezuela), fallende Weltmarktpreise und ungünstige klimatische Bedingungen werden den Planern dieses Jahr wieder einmal einen Strich durch die Rechnung machen.

Auf die Dürre folgte im Januar der Dauerregen, was neben der Zuckerrohr auch die Tabakernte in ernste Schwierigkeiten gebracht hat. Glück im Unglück: Aufgrund der lächerlich niedrigen Weltmarktpreise dürfte dies kaum negative Auswirkungen auf die Staatseinnahmen haben. Genauso verhält es sich mit dem Nickel. Während Kuba über die drittgrößten Nickelvorkommen der Welt verfügt, liegt der Preis mit ca. 9.000 US$ pro Tonne schon seit Monaten deutlich unter den hiesigen Produktionskosten. Die klassischen Exportwaren schreiben rote Zahlen, was bleibt sind Dienstleistung und Tourismus.

Lebensmittelkrise in Havanna

Dann die steigenden Preise auf den Bauernmärkten. Zurück in Havanna bildete dies das ständige Gesprächsthema in der Stadt. Da die Libreta nicht für den ganzen Monat reicht, muss sich jeder Kubaner von seinem Lohn Nahrungsmittel auf den Märkten hinzukaufen. Die meisten Kubaner geben über 75 Prozent ihres Gehalts für Lebensmittel aus. Genau aus diesem Grund sind schon geringe Preisschwankungen ein Politikum, denn sie stellen eine Gefahr für die soziale Stabilität dar.

Seit Beginn der Landwirtschaftsreformen im Jahr 2013 dürfen im Rahmen eines Pilotprojekts die Landwirte der Hauptstadt sowie der angrenzenden Provinzen Artemisa und Mayabeque den Großteil ihrer Produktion frei vermarkten. Das ehemals mächtige staatliche Abnahmemonopol in Form der Firma „Acopio“ wurde sogar landesweit aufgelöst und übrig blieben lediglich einige Verträge zur Versorgung von Krankenhäusern, Kindertagesstätten und anderen Staatseinrichtungen. Statt ehemals 80 kaufte der kubanische Staat weniger als 50 Prozent der Ernten ein. Angebot und Nachfrage begannen den Preis zu bestimmen, sollten die Bauern zu mehr Produktion motivieren und die hohen Nahrungsmittelimporte endlich überflüssig machen. Gleichzeitig begann das wachsende private Kleingewerbe verstärkt die Nachfrage zu stimulieren, was sich in tatsächlichen Produktionszuwächsen niederschlug. Doch schon bald machten sich die destruktiven Kräfte des Marktes bemerkbar: Zwischenhändler kauften die Produkte und lieferten sie mit bis zu 300 Prozent Aufschlag an die Verkaufsstände ab, die ihrerseits wiederum ebenfalls einen Teil des Kuchens abhaben wollten.

Das Ergebnis: Während die Bauern noch immer ohne gutes Saatgut und ausreichend Dünger auskommen müssen, die Produktionsbedingungen nahezu unverändert blieben, stiegen die Preise für den Endverbraucher immer mehr – durchschnittlich 20 Prozent pro Jahr seit 2012, die Inflation nicht eingerechnet. Zum Jahreswechsel 2015/16 begann das Problem der Lebensmittelpreise immer krassere Züge anzunehmen. Manche Produkte waren in Havanna auf einmal nicht mehr erhältlich. Zuerst hieß es man warte auf die Erneuerung der Verträge. Doch dann sagte man, dass die Zwischenhändler begannen sämtliche Lebensmittel zu horten um diese bis zum Eintreffen des Nachschubs zu astronomischen Preisen zu verkaufen. Den Preisen konnte man während der ersten Januartage beim Anstieg praktisch zuschauen. Ein halbes Pfund Zwiebeln konnte heute 9, morgen 12 und übermorgen schon 15 Pesos kosten. Die Reformer hatten sich verkalkuliert. Zentralisierte Produktion bei dezentralisierter Distribution musste unweigerlich zu Spekulation und steigenden Preisen führen.

Eine Lösung wurde gefunden

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Sitzung des kubanischen Parlaments im Dezember 2015 (Quelle: Escambray)

Raúl Castro forderte auf der Parlamentssitzung, dass „eine Lösung gefunden werden muss“ und Anfang Januar zog die Regierung tatsächlich die Notbremse: Innerhalb weniger Tage wurden für viele Produkte Preisobergrenzen eingeführt, längst geschlossene staatliche Märkte wieder eröffnet und in jedem der 105 Verwaltungsbezirke der Hauptstadt die staatliche Lebensmittelverteilung wiederhergestellt. Inspektoren patrouillierten auf den Märkten und die fliegenden Straßenhändler verschwanden praktisch über Nacht aus dem Stadtbild. Der Staat begann wieder im großen Stil Nahrungsmittel aufzukaufen und zu festen Preisen an die Bevölkerung abzugeben. Auf den übrigen „freien Märkten“ darf ein halbes Pfund Zwiebeln heute nicht mehr als 6 Pesos kosten. Die Stimmen der mobilen Händler verstummten und ich wurde Zeuge einer kleinen „revolutionären Offensive“. Man sprach nicht zu unrecht von einer Zäsur, vom ersten zurückdrängen des Marktes zugunsten des Staates unter Raúl Castro. In der Bevölkerung stießen die Maßnahmen auf ein geteiltes, überwiegend positives Echo: Während einige die zurückgegangene Vielfalt bemängelten, lobten viele die neue Preisstabilität.

Doch das Einkaufen auf den Märkten ist nun nicht gerade einfacher geworden, die Qualität der Produkte hat merklich nachgelassen. Statt roter Tomaten finde ich beispielsweise immer häufiger grüne zum „selber reifen lassen“. Das was es gibt ist nun allerdings für die meisten Kubaner wieder erschwinglich. Lieber schlechte Tomaten für alle als gute Tomaten für wenige. Ich für meinen Teil vermisse den Schrei des Straßenhändlers nicht. Mit welchem Recht, fragte ich mich immer, preist dieser seine überteuerten Produkte in ohrenbetäubender Lautstärke an? Jene Produkte, die ohnehin nur von privaten Restaurantbesitzern und Vermietern gekauft werden. Die ganze Straße hört seine Rufe, doch nur das reichste Viertel kann folgen während die geduldigen Massen wortlos ihren Weg zum staatlichen Markt antreten.

Jetzt soll diskutiert werden wie es weitergeht. In jeder Provinz werden seit kurzem Meetings abgehalten um über die Nutzung der Landflächen zu diskutieren, die seit 2008 an Kleinbauern verpachtet werden. Immerhin über 1,4 von 6 Millionen Hektar. Die Steuern für Landwirte wurden bereits gelockert, während die staatlichen Ankaufpreise weiter erhöht werden sollen. Die Produzenten stimulieren, aber den Verkauf unter Kontrolle behalten scheint die Devise zu sein. Ist das Experiment gescheitert? Vielleicht nicht. War es in dieser Konstellation von Anfang an zum Scheitern verurteilt? Vielleicht ja. Das Experiment wird weitergehen, doch in jedem Fall ist es zu früh, endgültige Schlüsse zu ziehen. Was auch immer bei den nun laufenden Versammlungen herauskommen mag, eines ist sicher: Das Thema Landwirtschaft und Lebensmittel wird uns noch lange über den für April angesetzten Parteitag hinaus beschäftigen.

Geheimniskrämerei und Medienpolitik

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Nicht alles erfährt man in Kuba aus der Zeitung (Quelle: ElToque)

Apropos Parteitag. Neulich wurde gemeldet, dass erst ca. 20 Prozent der 2011 beschlossenen Reformen umgesetzt wurden. So, als wollte die staatliche Presse sich noch einmal kurz vor dem nächsten Parteitag selbst auf die Füße treten. Natürlich wurde die Meldung gleich von der Opposition und den ausländischen Medien ausgeschlachtet. Nun sagt diese Quantifizierung überhaupt nichts aus. Wären unter den 20 Prozent die wichtigsten Reformen (z.B. die Währungsreform, die Reform der Staatsunternehmen, etc.) so könnte man die übrigen 80 Prozent getrost als ergänzendes Beiwerk nach und nach verabschieden. Tatsächlich ist es aber ein Problem, dass sich die Kernpunkte der Wirtschaftsaktualisierungen gerade im embryonalen Experimentierstadium befinden – 4 Monate vor dem nächsten Parteitag, auf dem eigentlich Ergebnisse zu liefern wären. Stattdessen stehen wir vor den Scherben einer einst vielversprechenden Landwirtschaftspolitik, warten verzweifelt auf Investoren in Mariel (es sind gerade 8) und spekulieren regelmäßig, wann die Regierung endlich den CUC abschaffen wird. Neulich haben wir erfahren, dass die Zahl der Cuentapropistas zurückgeht. Statt über 500.000 sind es nun 496.000. Nach fünf Jahren des stetigen Wachstums scheint ein gewisser Sättigungsgrad erreicht zu sein. Warum und wieso, was als nächstes passieren wird, wurde uns allerdings nicht gesagt.

Diese Geheimniskrämerei macht mir zu schaffen. Es ist einfacher aus dem Ausland über Kuba zu schreiben als innerhalb des Landes. Ohne Internet sind wir nicht nur uninformiert was außerhalb Kubas vorgeht, wir wissen nicht einmal was um uns herum passiert. Selbst wenn wir regelmäßig die Zeitung lesen so müssen wir den kondensierten Kaffeesatz von wortkargen Versammlungsberichten als Interpretationsrichtschnur für die nächsten Schritte der Regierung verwenden. Mein chinesischer Freund bezeichnete einst die „responsiveness“, das schnelle und unmittelbare reagieren des Staates, als die Schlüsselfunktion für den Erfolg der KP Chinas. Wie viel Ärger könnte sich der kubanische Staat ersparen, würde er ein gut organisiertes Büro für Öffentlichkeitsarbeit unterhalten, das die Bürger über die Minister und deren Pläne informiert und Versäumnisse zeitnah einräumt! Stattdessen sickert hier alles nur tröpfchenweise durch und die wildesten Gerüchte zirkulieren auf der Straße, weil niemand weiß, was gerade vor sich geht.

Wie kann es sein, dass vier Monate vor dem nächsten Parteitag niemand über die geplanten Inhalte Bescheid weiß? Und wie kann es sein, dass ich von den Preisobergrenzen aus einer Reuters-Meldung erfahren habe, bloß weil ich an jenem Tag nicht die Regionalzeitung von Havanna kaufte? Mit einer gekonnten medialen Inszenierung hätte sich der Staat als Beschützer der sozial schwächsten präsentieren und das Verständnis der Bevölkerung für die Maßnahmen sicherstellen können. Doch Raúl ist nicht Fidel, das ist seine Stärke und sein Problem zugleich. Eine Lektion lässt sich festhalten: Ohne charismatischen Führer, der seine Politik in Reden erklärt, braucht es neue, institutionalisierte Kommunikationskanäle zwischen Regierung und Volk. Schweigsamkeit ist keine Lösung.

Löcher in der Wirtschaftsblockade

Doch es gibt auch gute Neuigkeiten. Die Vereinigten Staaten haben endlich eine substantielle Lockerung des Embargos vorgenommen die über reine Symbolpolitik hinausgeht. Nun kann, zumindest theoretisch, auch an kubanische Staatsunternehmen exportiert werden. Theoretisch, denn jede Lizenz wird einzeln genehmigt und die Warenbandbreite ist noch immer begrenzt. Dennoch: Es dürfen nun auch Kredite ausgegeben werden, was das ganze für Kuba interessant macht. Nach dem Besuch der US-Handelssekretärin Pfizer im Herbst vergangenen Jahres dürfte der Obama-Administration klar geworden sein, dass ihre bisherigen Maßnahmen in einem Land mit staatlichem Außenhandelsmonopol scheitern müssen. Handel mit dem Privatsektor, der aber nicht über staatliche Importunternehmen laufen darf – wozu das ganze? Hatten sie ernsthaft erwartet, die Kubaner würden ihr staatliches Handelssystem aufgeben, bloß damit einige Cafeterías in Havanna neue Toaster bekommen? Man könnte meinen, die USA hätten noch nie mit einem sozialistischen Staat zu tun gehabt, so unbeholfen wie sie ihre Gesetze konstruierten. Nun haben sie zwar ihre missratene Initiative korrigiert, wie fremd ihre Denkweise der kubanischen ist dürfte ihnen jedoch bis heute nicht klar sein.

Dass auch andere Gesellschaftsmodelle „heilige Prinzipien“ haben scheint für viele US-Politiker noch immer eine schwer verdauliche Realität zu sein. Genauso wenig wie die USA ihre Medienlandschaft verstaatlichen werden, wird Kuba unter Raúl Castro die großen Staatsunternehmen privatisieren. Manchmal gewinne ich den Eindruck, die USA schätzen Raúl als grauhaarigen Claudillo ein, dem allein am eigenen Machterhalt gelegen ist. Doch die Realität lässt sich nicht in einfache Schablonen pressen. Aus jeder Rede Raúl Castros schreit unmissverständlich eine Mission hervor: „Ich bin hier, um diesen Sozialismus ins 21. Jahrhundert zu tragen, ihn zu retten, zu verbessern – nicht um ihn abzuschaffen.“ Den Kern der Raúl’schen Reformen kann sich jeder halbwegs gebildete Analyst anhand der Beispiele in Ungarn, Jugoslawien oder dem NÖS der DDR erschließen.

„Bevor die Amis kommen!“

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Symbol für den Tourismus: Oldtimer in Althavanna (Quelle: Fotoflair)

Stattdessen gackern die ausländischen Medien wie Hühner um ein Ei herum, das schon lange gelegt wurde. „Schnell noch nach Kuba, bevor die Amis kommen!“, steht den deutschen Touristen auf der Stirn geschrieben. „Schnell noch nach Kuba, bevor der große Ausverkauf beginnt!“, schreiben die Wirtschaftsblätter. „Jetzt oder nie, bevor McDonald’s und Starbucks sich breitmachen!“, höre ich die Nordamerikaner rufen. Das alles liest oder hört man im Prinzip schon seit Raúls Amtsantritt im Jahr 2006. Zehn Jahre später heißt das Habana Libre noch immer nicht Hilton und gerade eben konnte man auf den Bauernmärkten den Siegeszug der staatlich regulierten Zwiebel verfolgen während sich die Medien langsam auf den 90. Geburtstag Fidel Castros einstimmen.

Der Gipfelpunkt dieser „Schnell noch nach Kuba“-Haltung äußert sich in einem paradoxen Zynismus, der sich mir schon ein paarmal offenbart hat. Wenn ich beispielsweise mit unverständlichem Kopfschütteln belegt werde, während ich mit glänzenden Augen von der Eröffnung neuer WiFi-Hotspots berichte. Oder wenn ich mich über die neuen chinesischen Busse freue, die den Transport verbessern und mit ihren roten LED-Anzeigen gefallen, während mir mein gegenüber fassungslos erwidert: „Aber dann sieht man ja bald weniger Oldtimer.“ Wenn es nach der Meinung mancher Touristen geht, hat Kuba für immer in den 1960er Jahren zu bleiben. Alles moderne wird – freilich nur im Urlaub – mit Argwohn und Verachtung bedacht, das vermeintlich „einfache Leben“ romantisiert und verklärt. Keiner dieser Menschen hat offenbar erfahren wie es ist einen halben Tag in einem Büro ohne Strom zu warten oder in den Straßen vergeblich nach roten Tomaten zu suchen.

Ein Land im 21. Jahrhundert

Wenn es nach den Plänen von Volk und Regierung gehen würde wären die Straßen hier voll mit modernen chinesischen Kleinwagen, die jungen Familien würden aus der Altstadt ausziehen und endlich neue Plattenbausiedlungen bevölkern. Auch der ärmste Kubaner würde sich mit WhatsApp auf einem Huawei-Smartphone verständigen während er sich genüsslich eine Telenovela auf dem heimischen HD-Fernseher reinzieht. Die Horrorvorstellung jedes deutschen Touristen, der auf Kuba heute noch die in der Heimat verloren gegangene Vormoderne anzutreffen glaubt. Auch mir gefallen die Chevys, Buicks und Fords, doch wer sich ernsthaft für dieses Land und seine Menschen interessiert kann den Tag nicht abwarten an dem diese fahrenden Untoten endlich ihre letzte Ruhe in einem Museum finden.

Kuba hat das Recht, sich zu entwickeln und dabei Fehler zu machen. Dass dabei Versäumnisse entstehen, das alte und das neue noch nicht recht zueinanderpassen wollen, ist unweigerliche Folge eines jeglichen Veränderungsprozesses. Worauf es ankommt, ist die eigenen Fehler zu erkennen, zu benennen und zu korrigieren.

Kuba startet neue Zeitschrift für Kleinanzeigen

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Vorläufiges Cover der neuen Zeitschrift „Ofertas“ (Quelle: Cubadebate)

Kubas Presselandschaft wird in den kommenden Wochen Zuwachs erhalten. Die Zeitschrift „Ofertas“ soll ab Mai den kubanischen Anzeigenmarkt beleben und den neuen Wirtschaftsakteuren des Landes eine Plattform für Kleinanzeigen und Stellenauschreibungen bieten. Mit einer Auflage von 60.000 Exemplaren in Farbe will die landesweit erscheinende Zeitschrift dem Privatsektor und den neuen Kooperativen für einen Preis von 3 Peso auch mit Informationen und Rechtsberatung zur Seite stehen.

Die Gründung der Zeitschrift wurde am Montag auf einer Pressekonferenz der Nachrichtenagentur Agencia Cubana de Noticias (ACN) bekannt gegeben. Die ACN wird als Herausgeber des Blattes fungieren, das vorerst auf monatlicher Basis erscheinen soll. „Wir bieten einen sicheren Platz für Kleinanzeigen, sowohl für natürliche als auch juristische Personen, in einer Printausgabe und einer digitalen Version, und zudem die Möglichkeit Produkte und Dienstleistungen auf attraktive Weise und mit konkurrenzfähigen Preisen anzubieten“, sagte Edda Diz, Direktorin der ACN, auf der Pressekonferenz.

Rechtsberatung und Kleinanzeigen – nicht nur für den Privatsektor

In der Zeitschrift sollen auf insgesamt 16 Seiten Themen aufgegriffen werden, die dem Privatsektor unter den Nägeln brennen: Wie bereite ich ein Geschäft vor? Welche Gesetze muss ich beachten, welche Steuern sind wann und wo zu entrichten? Neben der Rechtsberatung sollen auch andere Wirtschaftsangelegenheiten und unternehmerische Fragen behandelt werden. Die letzten acht Seiten der Publikation sind für Kleinanzeigen reserviert, an denen sich der Staatssektor ausdrücklich beteiligen darf.

In den Kleinanzeigen können vom Computerverkauf bis hin zu Miet- und Reparaturservices die verschiedensten Produkte und Dienstleistungen inseriert werden. Auch der An- und Verkauf von Immobilien und Fahrzeugen kann angeboten werden, zudem gibt es eine Rubrik für Stellenausschreibungen. Die Inserate werden in täglich aktualisierter Form auf der Website der Zeitschrift (www.ofertas.cu) veröffentlicht. Die Seite soll in den kommenden Wochen ans Netz gehen und wird auch vom kubanischen Intranet aus erreichbar sein – ein großer Vorteil gegenüber der bereits etablierten Konkurrenz.

Im Geist der Zeitschrift „Opina“…

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Internetportal von „Ofertas“ (Quelle: Cubadebate)

Denn die Vermarktung über Kleinanzeigen ist im sozialistischen Kuba keineswegs neu. Bereits 1979 startete mit „Opina“ eine ähnliche Zeitschrift, die sich in den 1980er Jahren großer Beliebtheit erfreute. Im Zuge der Sonderperiode wurde sie jedoch Anfang der 1990er Jahre eingestellt. Mittlerweile hat sich die Website Revolico.com mit über 520.000 Inseraten als wichtigste Plattform für den digitalen Kleinanzeigenmarkt in Kuba etabliert. Revolico operiert jedoch außerhalb des rechtlichen Rahmens und kann daher nur über Umwege von Kuba aus erreicht werden.

Im Unterschied zu Revolico kosten die Inserate in „Ofertas“ allerdings Geld. Eine Zeile mit 30 Zeichen ist für 0,85 CUC zu haben, ab 10 Zeilen kostet jede weitere 1 CUC. Für größere Anzeigen hat die Redaktion spezielle Angebote vorbereitet, so kostet eine komplette Seite 450 CUC pro Ausgabe, eine Achtelseite kann für 56 CUC gebucht werden. Je nachdem für wie viele Ausgaben in Folge die Anzeige geschaltet werden soll, gibt es Preisnachlässe von bis zu 20 Prozent. Auch zwei Werbebanner auf der Website stehen für Anzeigenkunden bereit.

Mit der neuen Zeitschrift plant Kuba „den Geist der Zeitschrift Opina wieder aufzunehmen“, heißt es in der offiziellen Ankündigung. Tatsächlich war dieser Schritt längst überfällig. Für die knapp 500.000 Beschäftigten des Privatsektors könnte das neue Blatt rasch zu einer wichtigen Werbeplattform werden, die auch Menschen ohne Internetzugang landesweit erreicht. Die Vorteile gegenüber Revolico und vergleichbaren Angeboten liegen auf der Hand: vollständige Rechtssicherheit der Inserate, Erreichbarkeit aus dem kubanischen Intranet, günstige landesweite Printausgabe mit festem Redaktionssitz sowie acht Seiten mit journalistischen Inhalten und Rechtsberatung speziell für die neuen Wirtschaftsakteure.

Fazit

Erfolg und Misserfolg von „Ofertas“ wird wesentlich von der Qualität und Aktualität der  Kleinanzeigen abhängen, deren Angebote konkurrenzfähig und erschwinglich sein sollen. Die gebotene Rechtssicherheit (offizieller Leitspruch: „Der sichere Weg für Kleinanzeigen in Kuba“) könnte sich neben der Erreichbarkeit aus dem Intranet bald als das entscheidende Alleinstellungsmerkmal des Magazins erweisen. Auf diese Weise könnte „Ofertas“ dazu beitragen, einen Teil des kubanischen Grauzonenmarkts in geregelte Bahnen zu befördern, so dass Angebot und Nachfrage schon bald einfacher zueinander finden.


Offizielles Video zur Pressekonferenz am 6. April:

Das Internet in Kuba – Ausbau ohne Eile?

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Vertreter der staatlichen Telekommunikationsgesellschaft „ETECSA“ bei Cubadebate (Quelle: Cubadebate)

Im Januar 2013 hat in Kuba das Unterseekabel „ALBA-1“ aus Venezuela seinen Dienst aufgenommen um die Insel mit dem weltweiten Netz zu verbinden, die langsamen Satellitenverbindungen sollten fortan schrittweise abgelöst werden. Wenige Monate später eröffnete die staatliche Telekommunikationsgesellschaft ETECSA über 100 neue Internetcafés und kündigte eine Ausdehnung des Netzzugangs an. Anderthalb Jahre danach scheint der Ausbau ins Stocken geraten zu sein. Im Rahmen eines Diskussionsforums des kubanischen Onlinemagazins „Cubadebate„, gaben Vertreter der Firma jüngst Details über die kubanische Netzinfrastruktur bekannt und erklärten ihre Pläne für das Jahr 2015.

Staatseinrichtungen genießen Priorität

Seit den 2000er Jahren investiert Kuba verstärkt in den Ausbau seiner IT-Infrastruktur, so dass bis zum Jahr 2004 sämtliche Kommunen des Landes an das kubanische Intranet angeschlossen werden konnten. Der Zugang zum weltweiten Netz verlief dagegen lange Zeit wie durch ein Nadelöhr: Alle Satellitenverbindungen der Insel verfügten im Jahr 2010 zusammen über gerade einmal 379 Mbps Downloadkapazität und 209 Mbps für den Upload. Der öffentliche Internetzugang war auf einige Hotels beschränkt, die Kosten lagen bei nicht weniger als 6 CUC pro Stunde.

Mit der Inbetriebnahme des ersten Unterseekabels „ALBA-1“, wurde Kuba im Januar 2013 erstmals über eine Leitung mit dem Internet verbunden, das US-Embargo hatte den Anschluss an die bestehenden Unterseekabel bisher verhindert. Die Kapazitäten des Landes haben sich seitdem auf einen Schlag um 350 Prozent für den Download und 700 Prozent für Uploads erhöht. Im April 2013 wurden 118 neue Zugangspunkte und der nationale eMailservice „Nauta“ geschaffen. Bis Ende 2014 unterhielt ETECSA insgesamt 155 Internetcafés mit 573 Computerarbeitsplätzen. Sie sind in allen Provinzen des Landes zu finden, der Preis von 4,50 CUC pro Stunde bleibt allerdings für die meisten Kubaner unerschwinglich.

Nach Angaben von ETECSA wurden zusätzlich etwa 4.000 neue Zugangspunkte pro Jahr in öffentlichen Einrichtungen wie Kliniken, Universitäten und Unternehmen geschaffen – die Priorität liegt seit der Inbetriebnahme des Kabels weiterhin beim staatlichen Sektor. Die meisten Kubaner mit Internetzugang können über solche Einrichtungen auf das Netz zugreifen, da dort der Zugang kostenlos ist. Nur 46.694 Kubaner haben hingegen einen permanenten Nutzeraccount bei den Nauta-Internetcafés. Bei den günstigeren eMail-Dienstleistungen sind es etwa 521.000.

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Mittlerweile gibt es 155 staatliche Internetcafés in Kuba (Quelle: Martí Noticias)

Die Rolle des Intranets

Schätzungsweise 60 Prozent des gesamten innerkubanischen Datenverkehrs entfällt auf das Intranet, zu dem zahlreiche Institutionen und Unternehmen Zugang haben. In den Internetcafés kostet der Zugang 0,60 CUC pro Stunde. In den letzten Jahren hat sich das Angebot stark erweitert, mittlerweile verfügt das kubanische Intranet über eine eigene Enzyklopädie, eine Suchmaschine sowie ein soziales Netzwerk mit immerhin 35.000 Nutzern. Genau wie im weltweiten Netz werden hier Filme, Musik und andere Dateien zum Download angeboten, auch eine Plattform für private Blogs existiert bereits.

Eines der interessantesten Projekte ist das Medizinportal „Infomed“, das seit 1992 aktuelle Informationen, Schulungen und weitere Dienstleistungen (z.B. eMail-Adressen) für Angehörige des Gesundheitswesens anbietet. Die 170.000 Nutzer haben Zugriff auf Datenbanken und Materialien von etwa 2.000 anderen Institutionen, welche ebenfalls mit dem Netzwerk verbunden sind. Hierzu zählen beispielsweise die Archive von Fachzeitschriften oder die Datenbanken von Bibliotheken und Forschungseinrichtungen.

Auch der kubanische Kultursektor ist gut mit dem Intranet vernetzt. Über 600 Seiten bieten Medien, Zeitschriften, Bücher und vieles mehr für Künstler und Kunstinteressierte zum Download an, etwa 200 Bibliotheken sind mit dem Netzwerk verbunden und bieten öffentliche Zugangspunkte. Von den 445 Kulturinstitutionen haben allerdings nur 118 eine Verbindung zum Internet. Beim Ausbau der Netzinfrastruktur werden in Kuba Institutionen und kollektive Zugangsmöglichkeiten bevorzugt. Die Einrichtung von Privatanschlüssen wurde zwar mehrfach angekündigt, jedoch immer wieder verschoben.

So haben heute in Kuba nur wenige Personengruppen die Möglichkeit einen privaten Internetanschluss zu beantragen, wenn sie diesen von Berufs wegen benötigen. Hierzu zählen vor allem Ärzte, Künstler und Journalisten. ETECSA gab in der jüngsten Diskussionsrunde erstmals Zahlen zu diesen Zugängen bekannt: Rund 71.000 Ärzte haben von zu Hause aus mindestens Zugang zum kubanischen Intranet. Etwa 2.600 Künstler haben einen privaten Netzanschluss, allerdings nur 221 mit Internetzugang. Offiziell nutzen 26 Prozent der Kubaner das Internet, davon der Großteil jedoch vermutlich eher sporadisch oder auf dem Arbeitsplatz bzw. Campus.

Kubas Regierung hat in der Vergangenheit ihre Bereitschaft zum Internetausbau bekräftigt, die Umsetzung kam dabei jedoch nur schleppend voran. Begründet wurde dies vor allem mit den knappen Devisen bei gleichzeitig hohen Kosten für die Erneuerung der Infrastruktur. Trotz der üppigen Preise für den Zugang zu den staatlichen Internetcafés hat sich im letzten Jahr wenig geändert, weshalb der politische Wille zu einer umfassenden Ausweitung des Internetzugangs in jüngster Zeit immer wieder in Frage gestellt wurde. Doch wie sehen die Pläne für 2015 aus?

Über 130 neue Internetcafés geplant

Die französische Zeitschrift „L’Express“ meldete vor kurzem, dass die kubanische Telekom mit dem französischen Anbieter „Orange“ vergangenen Sommer einen Vertrag über Mitarbeiterschulungen abgeschlossen hat, um den Internetausbau auf der Insel voranzutreiben. ETECSA selbst hüllt sich darüber in Schweigen, jedoch scheint ein wenig Bewegung in den Prozess zu kommen. In diesem Jahr sollen 136 neue Internetcafés mit 538 Zugangspunkten eröffnet werden – was praktisch eine Verdoppelung des bestehenden Angebots bedeutet.

Hierzu werden einige der bereits vorhandenen „Jugendcomputerclubs“ (JCC) mit Internetzugang ausgerüstet. Landesweit gibt es über 600 dieser Einrichtungen, sie wurden 1987 auf Initiative Fidel Castros ins Leben gerufen und bieten kostenlosen Zugang zum Intranet sowie PC-Kurse an. In den kommenden Jahren könnten insgesamt 291 JCCs mit Internet versorgt werden und so über 1.000 neue Zugangspunkte schaffen, die Investitionskosten dürften sich dabei in Grenzen halten. Zu den Preisen für die neuen Angebote wurde indes noch nichts bekannt.

Um die Zuverlässigkeit des Netzes auch bei steigender Nachfrage zu gewährleisten, plant ETECSA die Server- und Rechenzentren des Landes auszubauen. Im vergangenen Jahr kam es nach der Eröffnung des mobilen eMailzugangs zu anhaltenden Pannen bei der Verbindungsstabilität. Bis zum Februar 2014 verfügte die Firma nur über eine einzige Serverfarm mit einer Kapazität von 15 Terrabyte, sie wurde inzwischen um eine weitere mit 100 TB ergänzt. In diesem Jahr soll die Kapazität auf 500 TB erweitert werden.

Fazit

Für die meisten Kubaner sind die angekündigten Schritte nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Die für Ende 2014 geplanten Privatanschlüsse wurden auf unbestimmte Zeit verschoben, während das mobile Datennetz noch immer auf eMails beschränkt bleibt. Als der amerikanische Streaminganbieter „Netflix“ sein Angebot vor wenigen Tagen für Kuba öffnete, hoffte die „Washington Post“ damit den Druck auf die Regierung für den Netzausbau erhöhen zu können. Tatsächlich dürften die Kubaner nach den Plänen der kubanischen Telekom kaum von dem neuen Angebot proftieren, für die nächsten Jahre ist zumindest kein rascher Ausbau zu erwarten.

Denn auch mit einer Verdoppelung der Zugangsplätze bliebe das Internet für die allermeisten noch immer ein unerschwinglicher Luxus. So lange keine Änderung der Preispolitik erfolgt, wird auch in Zukunft der Netzzugang in Kuba auf den Arbeitsplatz bzw. die Universität beschränkt bleiben. Schlechte Informationspolitik und schleppende Investitionen prägen heute das Bild vieler Kubaner in Bezug auf den staatlichen Monopolisten. USB-Sticks, die für wenig Geld vollgepackt mit TV-Serien und Filmen unter der Hand kursieren, haben sich längst als Notlösung etabliert um zumindest einen Teil des Internets offline verfügbar zu machen. Vorerst dürfte daher der kubanische Volksmund mit seiner Übersetzung des Akronyms ETECSA recht behalten: „Empresa de telecomunicaciones sin apuro“ – Telekommunikationsunternehmen ohne Eile.

Die Freilassung der „Miami Five“ – Reaktionen aus Kuba

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Kubanische Studenten feiern die Rückkehr aller „Miami Five“ (Quelle: ACN)

Die Freilassung der restlichen drei kubanischen Geheimdienstagenten, die seit 1998 in den USA inhaftiert waren, löste einen wahren Sturm in Kubas Medienlandschaft aus. „Wie von Fidel im Juni 2001 versprochen, als er sagte: Sie werden zurückkehren!, sind heute Gerardo, Ramón und Antonio in unserer Heimat eingetroffen“, sagte Präsident Raúl Castro am Mittwoch in seiner Rede an die Nation.

Kurze Zeit später waren in den sozialen Netzwerken erste Bilder zu sehen, wie Kubaner die Meldung aufnahmen. Viele saßen gespannt vor den Bildschirmen, als Raúl Castro um genau 12 Uhr Mittags zeitgleich mit Barack Obama seinem Volk die Rückkehr der drei Gefangenen und die Erneuerung der Beziehungen mit den USA verkündete. Während Castro sprach, läuteten die Kirchenglocken und pausierten Schulen in ganz Kuba ihren Unterricht. Die Abgeordneten des kubanischen Parlaments, welches derzeit in Havanna tagt, unterbrachen spontan die Sitzung.

Studenten zahlreicher kubanischer Universitäten veröffentlichten Bilder, auf denen sie mit Plakaten ihre Freude zum Ausdruck brachten. Der Hashtag „#volvieron“ – sie sind zurückgekommen – geistert derzeit durch das kubanische Internet. Die BBC hat in einer eigenen Analyse die beliebtesten kubanischen Hashtags auf Twitter dargestellt:

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Kubanische Tweets nach der Freilassung der „Miami Five“ (Quelle: BBC)

Das kubanische Nachrichtenportal „Cubadebate“ zählte bereits innerhalb weniger Stunden über hundert Kommentare unter der Rede des kubanischen Präsidenten. Zahlreiche Kommentatoren begrüßten die Freilassung der drei Kubaner ebenso wie den diplomatischen Neuanfang. Die Nachrichten scheinen große Hoffnungen bei den Kubanern hervorgerufen zu haben, die Reaktionen waren in der Mehrzahl freudig bis überschwänglich. „In allen kubanischen Haushalten knallen die Korken, das ist etwas das wir feiern müssen“ zitiert die BBC einen Tweet. „Wie ich Lust habe zu schreien, auf die Straße zu gehen und alle zu umarmen“, schrieb ein anderer Nutzer.

Das Thema der „Miami Five“ hat damit ein lang erkämpftes Happy-End gefunden. Alle Fünf sind heute wieder bei ihren Familien. Damit ist eine der größten Kampagnen der kubanischen Revolution in den letzten Dekaden gegangen. Kuba muss auf die neue Situation reagieren und die neuen Möglichkeiten im Verhältnis mit den USA gestalten lernen. Doch zunächst einmal wird die Freude überwiegen. Es wird noch dauern, bis allen Kubanern die volle Tragweite des 17. Dezembers bewusst wird. Die omnipräsenten Schilder, auf denen heute steht: „¡volverán!“ – sie werden zurückommen! – bestätigen auf den Fassaden und Plätzen des Landes tausendfach ihre Richtigkeit. Doch zugleich spricht aus ihnen die Frage: Was kommt nach mir?