Die Re-Industrialisierung Kubas

Der kanadische Ökonom und Kenner der kubanischen Wirtschaft Archibald Ritter warf in seinem Blog neulich die Frage auf: „Kann sich Kuba Reindustrialisieren?“. Eine nicht unberechtigte Frage, wenn man die Dekapitalisierung und den allgemeinen Produktionsrückgang der kubanischen Industrie seit 1989 bedenkt.

Industrieproduktion Kuba

Kubanische Industrieproduktion (physisch), Vergleich zwischen 1989 und 2011. (Quelle: „The Cuban Economy„)

In fast allen Bereichen ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen, der Produktionsindex der herstellenden Industrie liegt heute, trotz deutlichen Zuwächsen in einigen Bereichen, bei insgesamt 54% des Wertes von 1989. Es mangelt an moderner Ausrüstung, sinnvoller Investitionsplanung und den notwendigen Mitteln hierfür. Dabei wurde von Raúl immer wieder die Schlüsselrolle der Staatsunternehmen betont, die das Grundgerüst der kubanischen Wirtschaft bilden und ab 2014 größere Autonomie genießen. In den letzten drei Jahren konnte zudem ein starker Rückgang bei der Anzahl der Industrieunternehmen verzeichnet werden, viele Firmen wurden für die Anstehenden Änderungen im Management mit anderen fusioniert oder geschlossen, wobei die genauen Prozesse im Dunkeln blieben.

Am 23. Oktober gab das Industrieministerium erstmals einen konkreten Plan bekannt, wie die herstellende Industrie in Kuba reorganisiert werden soll. Dieser Beitrag erschien bald darauf als Bulletin auf Cubadebate. Damit ist das Projekt einer Reindustrialisierung angenommen worden, doch wie soll vorgegangen werden?

Zunächst einmal werden die separaten Ministerien für Leichtindustrie und die metallurgische Industrie aufgelöst und stattdessen tritt ein einheitliches Industrieministerium an ihre Stelle. Dessen Aufgabe wird sein, Politik und Strategie für die langfristige Entwicklung der kubanischen Industrie vorzuschlagen, und nach ihrer Bestätigung die Umsetzung und Kontrolle der beschlossenen Richtlinien durchzuführen. Die wichtigsten Bereiche für die künftige Entwicklung der Industrie sind (unter anderem): Stahl, Metallurgie, Textilindustrie, Schuh- und Möbelproduktion, Papier und Papierprodukte, medizinische Apparaturen und Rohstoffe für Medikamente, Düngemittel sowie Herbizide und Pestizide, Verpackung und Recycling. Interessant ist, dass bei dieser Liste viele „alte Bekannte“ vorkommen, also Industriezweige (vor allem der Konsumgüter und Leichtindustrie), die Kuba mit sowjetischer Hilfe in den 1970er und 1980er Jahren für den Binnenmarkt aufbaute und die seit der Sonerperiode mehr schlecht als recht am Leben erhalten werden konnten. Ihre Produkte mussten in den letzten Jahren verstärkt den chinesischen Importen weichen. Um die Effizienz der Betriebe zu steigern, werden die bestehenden Unternehmen zu Unternehmensverbänden oder besser gesagt staatlichen Großkonzernen zusammengefasst, es entsteht eine Unternehmensgruppe der Leichtindustrie, der Metallurgischen Industrie, der chemischen Industrie und der Elektronikindustrie, die wiederum dem Industrieministerium unterstehen aber nicht mehr direkt von diesem geleitet werden.

Wesentliches Ziel der Konzentration ist es, durch Synergieeffekte die Produktivität zu steigern und die direkte ministerielle Planung durch eine indirektere Form der Verwaltung zu ersetzen. Ein wichtiger Schritt ist auch die Ersetzung von teuren Importen durch heimische Produkte, der Fokus wird hier auf die Herstellung von Plastikverpackungen und im Recycling liegen. Derzeit muss die kubanische Leichtindustrie noch 75 Prozent ihrer Rohstoffe importieren, die Pharmaindustrie sogar 91 Prozent. Recycling – bisher ein wunder Punkt in der kubanischen Wertschöpfungskette – wird trotz des enormen Einsparungspotentials derzeit unzureichend und unsystematisch betrieben. Trotzdem wurden im letzten Jahr durch den Export oder den lokalen Verkauf von 420.000 Tonnen Recyclingmaterial (darunter Stahl, Eisen, Bronze, Aluminium, Papier, Plastik, Textilien, Elektronikschrott und mehr) über 120 Millionen US$ eingespart.

Im nächsten Jahr soll nun die Anzahl der Recycelbaren Produkte um 10 Prozent erhöht werden. In verschiedenen Pilotprojekten der Provinzen Artemisa und Mayabeque wird das Recycling derzeit erfolgreich arbeitsteilig vom Privatsektor übernommen. Oftmals kümmert sich dabei eine ehemals staatliche Recyclingkooperative um Ankauf und Weitergabe der Rohstoffe, während selbstständig Beschäftigte auf Basis eines Vertrages für die Kooperative die Produkte einsammeln. Die Kooperative selbst kann dabei auf Vertragsbasis mit dem Staat arbeiten. Eine der beiden Kooperativen in den Provinzen konnte nach zwei Monaten schon einen Gewinn von über 14.000 CUC erzielen, nicht gerade wenig für kubanische Verhältnisse. Auch die Löhne dürften dadurch gesteigert werden (wie in den neuen genossenschaftlichen Bauernmärkten von Havanna, dort stiegen die Löhne innerhalb weniger Monate von 250 CUP auf 400 CUP).

Auch die bessere Nutzung des Maschinenparks in den Unternehmen wird angestrebt. Hierzu wurde ab Februar in 91 ausgewählten Unternehmen verschiedenster Sektoren eine vollständige Inventur durchgeführt. Das Ergebnis: Nur 15,5 Prozent der festgestellten Probleme lassen sich auf Ressourcenmangel und fehelnde Finanzierung zurückführen, während 84,5 Prozent der Probleme aufgrund von Fehlplanung, mangelnder Organisation und Leitung sowie schlechter Wartung entstanden. Deshalb werden ab 2014 Verträge zwischen staatlichen Einheiten über den An- und Verkauf überzähliger Maschinen möglich sein, der nicht-staatliche Sektor soll ebenfalls einbezogen werden. Zur Unterstützung dieser Maßnahme soll die Ersatzteilproduktion gesteigert werden. Wartung und Erneuerung des Maschinenparks genießen im kommenden Planjahr Priorität.

Desweiteren hat sich eine temporäre Arbeitsgruppe konstituiert, die eine integrale Strategie für die Entwicklung aller Wirtschaftssektoren erarbeiten wird. Diese soll im kommenden Jahr vorliegen und bis 2015 in einem neuen Gesetz („Ley de Industrias“) münden, das den neuen juristischen Rahmen der Staatsbetriebe genau definiert. Zu den nahliegenden Zielen der Industrie gehören für das nächste Jahr vor allem:

  • Kosteneinsparungen (auch in Verbindung mit dem Wasserverbrauch, hierfür ist ebenfalls ein neues Gesetz geplant).
  • Verstärkte Herstellung von Ersatzteilen und stromsparender Kochgeräte für den Binnenmarkt (z.B. Induktionsherde, Reiskocher und Gasflaschen).
  • Modernisierung zweier Metallbetriebe.
  • Modernisierung eines Textilbetriebes in Santa Clara.
  • Einführung einer neuen Produktionslinie für Zugmotoren in Matanzas, sowie für Arbeitskleidung und Schuhe in Havanna.

Die vollständige Rekapitalisierung der kubanischen Industrie wird freilich damit noch nicht erreicht werden, dieser Prozess ist auf 10 Jahre angelegt. Dennoch hat Kuba mit der Erarbeitung eines neuen Industriegesetzes einen Weg beschritten, der die Wiederbelebung der Industrie, auch für den Binnemarkt, ernsthaft in Angriff nimmt. Mit einer zentralen Unternehmensaufsicht, verschiedenen Konzerngruppen und Großbetrieben die künftig zusammengefasst werden, wird vor allem Kubas Exportmarkt und die Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt ausgebaut. Auf der anderen Seite soll aber auch eine günstige und einfach strukturierte lokale Industrie aufgebaut werden, die sich aus Genossenschaften und kleineren Staatsunternehmen zusammensetzt, und vor allem der Versorgung der Bevölkerung dient. Textilien, Verpackungen, Düngemittel und andere Produkte, die heute im großen Maßstab importiert werden müssen, sollen künftig wieder durch rentable lokale Produktion hergestellt werden können.

Mit Methoden wie Recycling und Verträgen mit Privatbetrieben können hier im kleinen Maßstab Kooperationen entstehen, die unmittelbar Auswirkungen auf die Umgebung der Stadt oder des Dorfes der Beteiligten haben wird. Die Kette: Cuentapropista –> Kooperative –> lokaler Staatsbetrieb –> Staatlicher Großbetrieb (Schlüsselindustrie) könnte bald im ganzen Land Schule machen. Damit soll ein kostengünstiges Modell entwickelt werden, das ohne Subventionen auskommt und nicht nur auf lokaler Ebene, sondern auch den Großkonzernen und damit der gesamten Wirtschaft bei der Reduzierung ihrer Importe hilft. Durch die Verknüpfung aller Beteiligten über ein Vertragsmodell kann schrittweise eine Rekapitalisierung von oben nach unten, vom devisenbringenden Exportbetrieb bis zum kleinen Recyclinghof, erreicht werden.

Kuba modernisiert seine Kfz-Kennzeichen

Ab dem 27. Mai werden in Kuba neue Nummernschilder für Kraftfahrzeuge ausgegeben, welche die bisher gebräuchlichen Kennzeichen schrittweise ersetzen werden. Die rechtlichen Grundlagen hierfür wurden in einem Gesetzesblatt vom 24. April veröffentlicht und vor kurzem in den kubanischen Medien näher erläutert. Kuba nimmt damit erstmals seit 2002 wieder Änderungen am bestehenden System der Kennzeichen vor, die jedoch dieses einer grundlegenden Erneuerung gleichkommen. Doch zunächst lohnt sich ein kurzer Blick auf die Geschichte und Funktion des charakterischen kubanischen Kennzeichensystems.

Amerikanische Traditionen im Sozialismus

Das erste Automobil wurde im Jahr 1898 nach Kuba eingeführt, zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren sie jedoch noch wenig verbreitet und meist im Besitz der Elite. Obwohl zunächst europäische Modelle dominierten, eröffnete Ford bereits 1916 ein inselweites Vertriebsnetz. In Folge des wirtschaftlichen Aufschwungs („Zuckerboom“ 1920) und der engen Verflechtung mit den USA erhöhte sich die Anzahl amerikanischer Marken rasch, diese dominierten noch lange nach dem Sieg der Revolution das Straßenbild. Im Jahr 1941 betrug die Anzahl der zugelassenen Fahrzeuge in Kuba etwa 30.000, im Jahr 1952 waren es bereits 77.000. Im Jahr 1957 wurde sogar ein neues Chevrolet-Modell in Havanna vorgestellt, zwei Jahre später fuhren auf der Insel bereits 200.000 Autos. Der politisch-ökonomische Einfluss der Vereinigten Staaten brachte für Kuba auch das amerikanische System der Typisierung mit sich, die klassischen Nummernschilder mit Maßen von etwa 300x160mm sind in Kuba deswegen die Regel.

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Kubanische Kennzeichen vor der Revolution. (Quelle: License Plates of the World)

Nach der Revolution verhinderte das US-Embargo die Einfuhr weiterer amerikanischer Fahrzeuge, weshalb seitdem vor allem russische Marken wie der bis heute omnipräsente Lada importiert wurden. In jüngster Zeit sieht man zunehmend europäische Kleinwagen sowie chinesische Modelle auf den Straßen. Heute wird die Zahl der verbliebenen amerikanischen Oldtimer auf 40.000 bis 60.000 geschätzt, während der Gesamtbestand aller Fahrzeuge ca. 400.000 beträgt. Das Kennzeichensystem wurde nach der Revolution zunächst kaum verändert, allerdings hat man den vorher stetig wechselnden Farben eine Bedeutung zugewiesen und eine eindeutige farbliche Trennung von Privatfahrzeugen (gelb) und staatlichen Fahrzeugen (blau) geschaffen. Daneben gab es eine Reihe von Sonderkennzeichen in verschiedenen Farben, beispielsweise für Diplomaten und Militärfahrzeuge.

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(Noch) aktuelle kubanische Kennzeichen, eingeführt 2002 (Quelle: Ebd.).

Im Jahr 2002 wurde das Kennzeichensystem weiter differenziert, an dem seit den 1950er Jahren bestehenden Design der Schilder änderte sich kaum etwas. In diesem System steht der erste Buchstabe des Kennzeichens für die Provinz in der das Fahrzeug registriert ist, der zweite gibt genauere Auskunft über den Halter (z.B. A für Regierungsfahrzeuge, D-H für Privatfahrzeuge, K für Fahrzeuge ausländischer Halter, etc.). Hierbei wird ebenfalls nach staatlich (blaues Kennzeichen) und privat (gelbes Kennzeichen) differenziert und es gibt weiterhin eine Reihe von Sonderfarben, z.B. Hellgrün für die Streitkräfte, Dunkelgrün für das Innenministerium, schwarz für Diplomaten, dunkelrot für Touristen. Die Erhaltung dieses Schilderwaldes, der insgesamt aus elf verschiedenfarbigen Typen besteht, kostet den kubanischen Staat jedes Jahr eine nicht unbeträchtliche Summe: Für Adressänderungen, Verluste und Neuausstellung von Nummernschildern werden pro Jahr etwa 200.000€ fällig.

Internationale Standards und Einheitlichkeit

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Neue Kennzeichen ab dem 27. Mai (Quelle: Cubadebate).

Mit den jetzt neu eingeführten Kennzeichen soll nun grundlegend aufgeräumt werden. Der bürokratische Aufwand des derzeitigen Systems muss immens sein, da die Kennzeichen allesamt Sonderanfertigungen der deutschen Firma UTSCH sind, die eine Mindestabnahmemenge von 5.000 Stück pro Farbe verlangt – was vom kubanischen Staat einen enormen finanziellen und verwaltungstechnischen Kraftakt verlangt, um auch von den selten benötigten Kennzeichen (z.B. für Diplomaten) in jeder Provinz genügend Vorräte auf Lager zu haben.  Auch die Ummeldung von Fahrzeugen auf eine neue Provinz war bisher mit großem bürokratischem Aufwand verbunden, da das jedes Mal ein neues Kennzeichen erforderlich machte. Juventud Rebelde vergleicht diesen Aufwand mit der Neuausstellung eines verlorenen Personalausweises.

Mit den neuen Kennzeichen setzt Kuba nun als eines der ersten Länder Lateinamerikas auf das gebräuchliche europäische System, mit Maßen von 420x120mm für Autos bzw. 200x140mm für Motorräder. Die Schilder werden zudem im aus Deutschland bekannten Verfahren standardisiert gepresst und mit einer Laserimprägnierung versehen, um Fälschungen vorzubeugen. Wie bei uns, kommt die in den 1970er Jahren entwickelte FE-Schrift zum Einsatz – damit sehen die kubanischen Kennzeichen den deutschen ähnlicher, als die so manches EU-Landes. Während die staatlichen Fahrzeuge in Zukunft einen blauen Rand an der linken Seite erhalten, bleibt dieser bei den Privatfahrzeugen einfach weiß.
Offizielle Fahrzeuge werden auch in Zukunft den Buchstaben A am Beginn ihres Kennzeichens stehen haben, die Buchstaben C, D und E sind für Diplomaten reserviert. T steht weiterhin für „Tourist“ und K bleibt für ausländische Unternehmer reserviert, F und M stehen für Armee bzw. Innenministerium. Die restlichen Buchstaben haben keine spezifische Bedeutung, wobei an Privatpersonen bevorzugt der Buchstabe P vergeben werden wird. Ausländische Journalisten werden eine Plakette mit dem Text „PEXT“ (Prensa Extranjera, span.: ausländische Presse) auf Kennzeichen finden, Diplomaten das Wort „PROTOCOLO“. Die Buchstaben I, O, Q, W, S und Z finden aus Gründen der Verwechslung keine Verwendung.

Durch den Wegfall der Provinzangabe sowie durch die Digitalisierung des gesamten Systems, soll der bürokratische und finanzielle Aufwand verringert werden, zudem entstehen durch die Angleichung an internationale Standards geringere Produktionskosten. Bei der Ummeldung eines Fahrzeugs muss künftig kein neues Kennzeichen mehr ausgestellt werden, dadurch wird dieser Prozess für den Halter künftig kostenlos. Zudem sind die neuen Schilder besser an die Halterungen der meisten Fahrzeuge angepasst und leichter lesbar. Nicht zuletzt wird die Überprüfung von Fahrzeugen durch die eindeutige Zuordnung des Kennzeichens zur Person erleichtert. Die Umstellung soll innerhalb von drei Jahren erfolgen: Bis Januar 2015 sollen alle Privatfahrzeuge die neuen Kennzeichen tragen, bis Dezember 2015 alle staatlichen Einheiten mit blauem Kennzeichen, und bis Mai 2016 die restlichen Fahrzeuge.

In den kubanischen Medien wurde der Prozess letztens genau erklärt, wobei viele Fragen der Bevölkerung zum Prozedere aufgegriffen wurden. Insgesamt werden 41 Zentren im Land die Umstellung leisten, nebenbei wurden viele Formalia für die An- und Ummeldung von Fahrzeugen erleichtert, was den kubanischen Autobesitzern entgegenkommen dürfte. Der Preis für die Umrüstung beträgt 30 Peso (1,20€) für Privatpersonen und 40 Peso (1,60€) für Unternehmen. Mit dem neuen System der Kennzeichen hat sich Kuba damit nicht nur eines kostspieligen Anachronismus entledigt, sondern gleichzeitig ein System geschaffen, welches modernsten internationalen Standards genügt (man beachte: Die Kennzeichen ähneln nicht nur zufällig den unsrigen sondern stehen diesen technisch in nichts nach). So wird nun ab Ende Mai Schritt für Schritt ein Überbleibsel des amerikanischen Erbes über Bord geworfen, welches das kubanische Straßenbild über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg geprägt hat.

Kuba erarbeitet Strategie bis 2030

In Kuba werden derzeit die Grundlagen für die langfristige Entwicklung des Landes bis zum Jahr 2030 beraten. Nach Angaben der „Granma„, werden derzeit die Indikatoren und Ziele der nächsten zwei Dekaden beraten. Raúl Castro betonte, dass die mit dem VI. Parteitag 2011 eingeleitete Aktualisierung des wirtschaftlichen Modells der Insel in „beständigem Tempo“ voranschreite und auf langfristige Entwicklung ausgelegt sei, da die Probleme des Landes nicht von heute auf Morgen gelöst werden könnten.

Auf der Sitzung wurde ebenfalls die komplizierte internationale Lage durch die globale Finanzkrise betont, die es Kuba zusätzlich erschwert, an Kredite zu gelangen.
Zu den wichtigsten Initiativen, die bisher greifen wurden die Wiederbelebung des Bahnverkehrs, die Steigerung der Anzahl der Selbstständigen, den direkten Verkauf landwirtschaftlicher Produkte an den Tourismussektor, die Vergabe von brachliegendem Land zum Nießbrauch, die Trennung von staatlichen und unternehmerischen Funktionen und das neue UBPC-Gesetz.

Desweiteren wurden 126 landwirtschaftliche Genossenschaften gegründet sowie Organisationen zur Schaffung von Unternehmensentwicklung eingerichtet, was zur schnelleren Entwicklung von Güter- und Serviceprodukten führen soll.
Derzeit geht es an den eigentlichen Kern der Reformen (Diaz-Canel sagte bereits vor einigen Wochen, dass jetzt die komplizierteste und tiefgreifendste Phase der Reformen beginnt), was in dem Artikel als die Verschlankung verschiedener Institutionen des Staates bezeichnet wird, um die Effizienz zu erhöhen und Bürokratie abzubauen. Durch das neue Steuersystem soll eine gerechtere Verteilung des Reichtums ermöglicht werden.

Auch die Experimente im System der Provinzregierung in Mayabeque und Artemisa wurden erwähnt, diese würden fortgeführt mit dem Ziel, eine bessere Aufteilung von Verantwortung und Kompetenz zwischen der Zentralregierung und den einzelnen Provinzregierungen zu finden. Seit 2010/11 laufen in den beiden Provinzen jene Versuchsläufe, die eine größere finanzielle Autonomie und Entscheidungsfindung auf lokaler Ebene vorsehen.

Viel konkreter wurde der Artikel nicht mehr, es bleibt die Feststellung einer grundlegenden Richtung, in die auch die Leitlinien weist: Steuersystem, Subventionabbau, begrenzte Privatbetriebe, Nachhaltigkeit und auch ein langsamer Anstieg der Investitionsrate.
Einige Tage vor der Sitzung wurde jedoch ein konkretes Ziel ausgegeben: Bis 2030 sollen 250.000 Hektar zusätzliche Waldfläche gepflanzt werden.
Insgesamt scheint es also noch nicht festzustehen, wie genau die Grundkonzeption eines „Kuba 2030“ aussehen soll, jedoch ist der Diskussionsprozess dazu nun angestoßen.

Kuba modernisiert seine zivile Luftfahrt

Antonov An-158

Antonov An-158, der neue Hoffnungsträger für die kubanische Luftfahrt? (Quelle: Commons)

Der Chef der kubanischen Luftfahrgesellschaft Cacsa, Ramon Martinez Hechavarria, gab neulich bekannt, dass Kuba seine zivile Flugzeugflotte um sechs Flugzeuge vom Typ Antonov An-158 aus der Ukraine erweitern will. Die ersten drei von ihnen werden im April dieses Jahres in die Flotte der kubanischen Fluggesellschaft „Cubana“ aufgenommen, die verbleibenden folgen 2014. Sie sollen vor allem für Inlandsflüge zum Einsatz kommen. Desweiteren gab er einen kurzen Überblick über die wichtigsten Investitionen in die Fluginfrastruktur: Die Modernsierung von Terminal 3 des Flughafens von Havanna (José Martí) sowie die Erweiterung der Start- und Landebahn in Santa Clara stehen für dieses Jahr auf der Agenda. Terminal 2 in Havanna wurde bereits 2011 einer Modernisierung unterzogen, ebenso wie der Flughafen Varadero.

Doch nicht nur neue Flugzeuge sollen angeschafft werden, auch die Organisation des Flugbetreibs wird derzeit erneuert, wie am 15. Februar verkündet wurde: Das Institut für Zivile Luftfahrt (IACC) wird künftig dem Transportministerium unterstellt, um ihm eine bessere Funktion zu ermöglichen. Es soll als eigenes Rechtssubjekt innerhalb des Ministeriums die notwendigen Ressourcen erhalten, um die Überwachung des zivilen Luftraums, Navigations- und weitere Dienstleistungen zu gewährleisten.

Traditionell besteht die kubanische Flugzeugflotte seit der Revolution vor allem aus Modellen sowjetischer Produktion, diese konnten damals leicht durch die engen Handelsbeziehungen mit der Sowjetunion bezogen werden und galten zudem als robust. Die Anschaffung europäischer und amerikanischer Flugzeuge wäre Kuba damals aufgrund des Embargos ohnehin wenig sinnvoll bzw. unmöglich gewesen. In den 1990er Jahren kam es allerdings aufgrund schlechter Wartung und veralteter Technik immer häufiger zu Unfällen, so im Juli 1997, als eine Antonov An-24 (ein aus den 60er Jahren stammender Typ sowjetischer Kurzstreckenflugzeuge) vor der Südküste der Insel abstürzte und alle Insassen in den Tod riss, oder 1998, als eine Tu-154 (ebenfalls aus den 1960er Jahren) in Ecuador beim Start in Flammen aufging. Die Ersatzteilknappheit im Zuge der Sonderperiode hat die Flugzeuge anfälliger für Defekte werden lassen, weshalb man im vergangenen Jahrzehnt dazu überging, moderne Flugzeuge der Hersteller Airbus und Boeing von anderen Fluggesellschaften zu leasen.

Mit den bestellten An-158 erhalten die Kubaner nun erstmals eine Flotte moderner Kurzstreckenflugzeuge für Inlandsflüge, mit einer Reichweite von bis zu 2.500 Kilometern und einer Kapazität von 92 Passagieren. Sie werden die restlichen An-24 der Cubana ersetzen und könnten dabei gleichzeitig einige Leasingverträge obsolet werden lassen. „The Voice of Russia“ berichtete desweiteren, dass die Flugzeuge nicht nur um Inland, sondern auch für Flüge in die karibischen bzw. zentralamerikanischen Nachbarländer eingesetzt werden sollen. Die An-158 ist dazu noch eine sehr junge Entwicklung, ihr Erstflug fand 2010 statt. Sie ist die größere Variante der Standardversion An-148, deren Erstflug 2004 stattfand, diese ist etwa fünf Meter kürzer und kann weniger Passagiere transportieren. Die Anschaffungskosten einer An-158 belaufen sich auf etwa 27-30 Millionen US$. Anderen Quellen zu Folge sollen in diesem Jahr zusätzlich noch vier An-148 angeschafft werden, was die Gesamtkosten schätzungsweise auf insgesamt mindestens 250 Millionen US$ ansteigen lassen wird. Diese großen Investitionssummen sind wohl somit nicht ganz unbedeteund für die kubanische Staatskasse.

Möglicherweise stehen die Anschaffungen daher auch in Zusammenhang mit der neuen Reisereform und sollen die aufkommende Kapazität nach Flügen in Zeiten des freien Transitverkehrs mit den Nachbarländern decken. Offensichtlich rechnet man in Havanna bereits mit stärkerer Nachfrage nach In- und Auslandsflügen in Zukunft, denn eine solche Investition braucht einige Zeit sich zu amortisieren. Die neuen Flugzeuge dürften jedoch wesentlich zuverlässiger und günstiger zu betreiben sein, als ihre teilweise über vierzig Jahre alten Vorgänger, weshalb sich auf lange Sicht die Kosten im Zaun halten könnten. In jedem Fall hat die kubanische Luftfahrt damit einen wichtigen Entwicklungsschub erhalten, und einen Modernisierungsprozess zum vorläufigen Abschluss gebracht, der vor etwa 10 Jahren mit der Anschaffung neuer Langstreckenflugzeuge vom Typ Tu-204 und Il-96 begann.

Umstruktuerierungen im kubanischen Internet?

Nach der im Januar erfolgten Inbetriebnahme des venezolanischen Glasfaserkabels „Alba-1“, welches Kuba erstmals auf terrestrischem Wege mit dem Internet verbindet und eine deutliche Erweiterung der Kapazitäten des Landes verspricht, sind in den vergangenen Tagen einige offizielle kubanische Internetseiten nicht mehr oder nur noch zeitweise erreichbar, beispielsweise die Website der nationalen Statistikbehörde ONE, die kubanische Internetenzyklopädie Ecured sowie die Website der Nachrichtenagentur ACN.

Zumindest bei Ecured, das wieder in Betrieb scheint, erschien eine Meldung die Wartungsarbeiten ankündigte. Ein so weitgehender „Ausfall“ dieser wichtigen Anlaufpunkte des kubanischen Internets ist nach meinen Beobachtungen ein Novum und könnte in einem größerem Zusammenhang mit einer Modernisierung der Internetinfrastruktur einhergehen. Möglicherweise werden die Seiten auf andere Server oder Knotenpunkte umgelagert, um schnellere Anbindung zu ermöglichen – oder gar einer generellen Modernisierung unterzogen, die die neue Internetverbindung jetzt möglich macht.

Was auch immer die Ursache dafür sein mag: Es tut sich was, im kubanischen Internet – und die kürzliche Aufschaltung des Glasfaserkabels hat daran sicherlich ihren Anteil.

Update 18.02: Seit heute scheint die Juventud Rebelde eine leicht modernisierte Website erhalten zu haben, was für meine These spricht. Viel hat sich zwar nicht geändert (Das Banner auf der Startseite ist verschwunden), aber immerhin. Ecured funktioniert auch weiterhin nicht:

Ecured-Wartungsarbeiten

„Latina-Press“ und das „mysteriöse“ Unterseekabel

Nachdem die Inbetriebnahme des Unterseekabels aus Venezuela, welches seit kurzem Kuba mit Telefon- und Internetverbindungen versorgt nicht nur von zahlreichen Medien gemeldet, sondern auch noch offiziell bestätigt wurde, ließ es sich die reaktionäre Nachrichtenagentur mit Schwerpunkt auf Lateinamerika, „Latina-Press„, nicht nehmen, ebenfalls eine Meldung zu diesem Thema zu verfassen. Darin heißt es allerdings:

“Die Tatsache, dass die Latenzen nach Kuba von vielen Orten auf der ganzen Welt unter 480ms [Millisekunden] im Mittel gesunken sind, lässt darauf schließen, dass der Internetverkehr nicht mehr vollständig über Satellit abgewickelt wird. Die Verzögerung beim Senden von Datenpaketen aus Kuba könnte daran liegen, dass eine mögliche Zensur-Firewall vorgeschaltet wurde”, so Madory.

So wird Doug Madory zitiert, der Experte von „Renesys“, welche die Messung vorgenommen haben. Abgesehen davon, dass sich in dem entsprechenden Artikel dieses Zitat nicht finden lässt (dort heißt es im Original lediglich: The fact that the latencies to Cuba from many locations around the world have dropped below 480ms means that the new Telefonica service cannot be entirely via satellite. However, if it were solely via submarine cables, we would expect latencies from many nearby countries to be less than 50ms.), hat Madory selbst zu den Gerüchten einer möglicherweise vorgeschalteten Zensur Stellung bezogen. Auf die Frage eines Kommentators, ob die festgestellten hohen Latenzzeiten möglicherweise auf eine Zensurfirewall wie in China deuten, antwortete er:

This is a very good theory. However, I suspect this is not the case. In countries where we see latencies are impacted by censorship regimes, we often see a diurnal pattern in latencies. This is due to traffic slowing during busy times when everyone is awake and using the Internet, and the censorship software is struggling to keep up.

When looking at the distributions of these latencies over time, I see no diurnal pattern and instead see what appears to be a hard floor that latencies cannot go below. This suggests some physical factor that can never be overcome. As stated in the blog, the latency distribution appears very similar to cases of asymmetric satellite we have observed in the past.

Thanks for the question!
(Hervorhebungen durch Autor).

Wider besseren Wissens wurde diese Passage von „Latina-Press“ bewusst ignoriert. Um das bisherige noch einmal zusammen zu fassen: Die hohen gemessenen Latenzzeiten (also die Signalverzögerung, bis ein Internetstrom Kuba erreicht bzw. verlässt) wurden als Anlass für Spekulationen für die Existenz einer möglichen Zensur-Firewall nach chinesischem Vorbild genutzt. Madory zu Folge gebe es hierfür jedoch keine technischen Indizien. Zudem wurde festgestellt, dass das Kabel wohl nur in eine Richtung genutzt wird, nämlich in die Empfangsrichtung. Das war der letzte Stand am 21. Januar, als die Latina-Press Meldung erschien. Tags darauf änderten sich die Dinge noch einmals grundsätzlich, als „Renesys“ die volle Inbetriebnahme des Kabels feststellte:

At 180-220ms, these paths suggest a pure terrestrial solution, based on subsea and overland cables — the traditional Internet that nearly everyone else on earth enjoys. Almost immediately, we started getting reports from Havana that delays for Internet traffic were dropping perceptibly, as the new routing policy kicked in.
What happened here? We speculate that Cuban network operators changed their routing policy to make the ALBA-1 cable the default path for all outbound traffic from certain Cuban networks.

Mit Latenzzeiten von nunmehr 180-220ms scheint nun eine „gewöhnliche“ bidirektionale Verbindung hergestellt worden zu sein, d.h. das Kabel wird nicht in der Empfangs-, sondern auch in der Senderichtung genutzt. Die vagen Vermutungen von einer wie auch immer gearteten „Zensur-Firewall“ haben sich damit endgültig zerstreut, während „Latina-Press“ die Meldung unbearbeitet ließ.

Was führt uns dieses Beispiel vor Augen? Selbst technische Einzelheiten können Anlass zu wildester Spekulation bei einem so heißen Thema wie Internet in Kuba sein. Während die kubanischen Techniker offenbar einfach noch nicht fertig mit der Aufschaltung des Kabels waren, entbrannten bereits Gerüchte über die mögliche Zensur durch die kubanischen Behörden. Ein voreiliger Fehlschluss, wie sich herausgestellt hat. Dennoch darf man weiterhin gespannt auf die künftige Verwendung der neu gewonnenen Bandbreite sein.

Kuba ist endlich im Internet angekommen

Messung des Datenverkehrs durch „renesys“. Der dunkelgraue „Telefonica“-Anteil ist dem Unterseekabel zuzuordnen.

Seit Januar dieses Jahres scheint Kuba endlich im Internetzeitalter angekommen zu sein. Die Experten von „renesys“ haben seit letzter Woche eine deutliche Zunahme des Internetverkehrs durch das Unterseekabel mit Venezuela und eine Verbesserung der Bandbreite und der Latenz messen können, was auf die endgültige Aktivierung des seit 2011 fertig installierten ALBA-Projekts schließen lässt. Das Kabel war bereits seit 2007 in Planung und konnte aufgrund verschiedener Korruptionsskandale und technischer Schwierigkeiten erst im Frühjahr des Jahres 2011 fertiggestellt werden.

Bisher ist Kuba noch hauptsächlich über langsame und teure Satellitenverbindungen mit dem Rest der Welt verbunden, da das Land aufgrund des US-Embargos keines der bestehenden Unterseekabel nutzen darf. Interessant bei der Aktivierung des Kabels ist allerdings, dass die Download-Bandbreite um ein vielfaches höher ist als die Bandbreite für den Upload, was laut „renesys“ entweder auf technische Schwierigkeiten oder eine bewusste Designentscheidung schließen lässt. Diese würde auch durchaus Sinn machen, schließlich braucht Kuba derzeit vor allem Input von der Außenwelt in Form von Software und Informationen, weswegen wohl der Empfangsrichtung Priorität eingeräumt wird.

Aufkommende Gerüchte über Zensurmaßnahmen fehlt dabei jede Glaubwürdigkeit, da den Experten zu Folge keine technischen Indizien hierfür gefunden werden konnten. Die Aufschaltung des Kabels kommt dabei wohl nicht ganz zufällig zeitnah zu den neuen Reisegesetzen, möglicherweise will sich die Regierung durch diese Maßnahmen erst einmal Luft und Spielraum für weitere ökonomische Anpassungen in diesem Jahr verschaffen. Dazu passt auch, dass seit Sonntag der venezolanische Fernsehsender „Telesur“ auf der Insel sendet und damit zum ersten Mal seit der Revolution ausländisches Fernsehen in Kuba legal empfangbar ist. Anhand der Reaktionen aus dem In- und Ausland auf die Neuerungen wird auch eines ersichtlich: Die PCC hat offenbar wieder Oberwasser.

Update (24.01): Inzwischen wurde die volle Bandbreite des Kabels in beide Richtungen aktiviert.