Wie viel verdienen die Kubaner wirklich? – Auf den Spuren des Realeinkommens der sozialistischen Insel

doble-moneda

Kubas Währungen: Links der er Peso Convertible (CUC), rechts der kubanische Peso (CUP) (Quelle: Cartasdesdecuba)

Kuba ist in aller Munde. Immer mehr Besucher strömen auf die sozialistische Insel um sich selbst ein Bild von der Realität vor Ort zu machen. Dabei treffen sie in der komplexen kubanischen Wirklichkeit schnell auf scheinbar einfache Widersprüche, die schwierige Fragen aufwerfen. Regelmäßig stößt man in den Medien beispielsweise auf Berichte, in denen der kubanische Durchschnittslohn auf 20 bis 30 US$ pro Monat beziffert wird. Eine bestürzend niedrige Zahl, denkt sich der Leser und wird sich unweigerlich fragen: Wie soll jemand davon leben können? Zwei aktuelle Studien legen nahe, dass es beim Thema der Löhne in Kuba anders bestellt ist, als gemeinhin vermutet.

Am Anfang war die Subvention

Um dem Rätsel auf die Spur zu kommen hilft es, sich als erstes die grundlegenden Besonderheiten des kubanischen Systems vor Augen zu führen. In Kuba existieren zwei Währungen. Der kubanische Peso (CUP) und der konvertible Peso (CUC). Während der CUC 1:1 an den US-Dollar geknüpft ist, entsprechen 24 CUP einem CUC bzw. US-Dollar. Auch wenn beide Währungen untereinander umtauschbar sind werden Löhne in Kuba grundsätzlich in Pesos (CUP) ausbezahlt. Der nominelle monatliche Durchschnittslohn im Staatssektor lag Ende 2015 bei 687 Pesos, was nach offiziellem Wechselkurs etwa 29 US$ (oder 26 €) entspricht und nach extrem wenig klingt.

Dem gegenüber steht jedoch ein umfassendes Subventionsnetz, dessen Kern auch die harten Zeiten der Sonderperiode in den 1990er Jahren überdauert hat. Mit dem Wegfall des sozialistischen Lagers in Osteuropa verlor Kuba damals seine Haupthandelspartner und stürzte in eine mehrjährige Wirtschaftskrise in deren Folge auch die Kaufkraft der Löhne rapide zusammensackte. Von monatlich einst 190 US$ im Jahr 1989 stürzte der Reallohn auf unter 20 US$ im Jahr 1993. Der inflationsangepasste Reallohn erholt sich seitdem allerdings wieder kontinuierlich.

image005

Inflationsangepasste Reallöhne (US$) nach Pavel Vidal (Quelle: The Cuban Economy)

Durch die Legalisierung des US-Dollars, der 2004 durch den konvertiblen Peso ersetzt wurde, konnte der Staat Devisen abschöpfen um seine Sozialausgaben zu konsolidieren. Gleichzeitig entstand Überbeschäftigung, die Lohnsteigerungen verlangsamte. Um ein grundlegendes Lebensniveau garantieren zu können, verwendet die Zentralregierung heute noch immer jedes Jahr mehr als die Hälfte ihres Haushalts für Subventionen sowie den Erhalt der Sozialsysteme, weshalb diese zumindest einen Teil der Antwort liefern. Die wichtigsten Eckpfeiler sollen deshalb im folgenden erläutert werden (Als Referenzwährung wird der US-Dollar verwandt, 24 Pesos entsprechen 1 US$ = 1 CUC).

  • Unterkunft: Etwa 95 Prozent der Kubaner sind Eigentümer ihrer Wohnung bzw. ihres Hauses. Im Laufe der 1970er Jahre ermöglichte der Staat den Erwerb der eigenen vier Wände zu überaus günstigen Konditionen. Die wenigen Kubaner, die heute noch zur Miete wohnen, zahlen sehr niedrige Raten die unter 10% ihres Einkommens liegen.
  • Die meisten Basisdienstleistungen die bei uns teuer bezahlt werden müssen, sind in Kuba stark subventioniert. Viele Kubaner reagieren beispielsweise überrascht wenn man ihnen berichtet, dass in Europa die Müllentsorgung bezahlt werden muss. Auch andere Leistungen sind im karibischen Sozialismus staatlich garantiert. So beträgt der Strompreis für den Grundbedarf 0,09 Pesos (0,004 US$) pro kWh (ab 3.600 kWh pro Jahr werden 0,2 Pesos pro kWh fällig). Die ersten 15 Kubikmeter Wasser kosten monatlich 0,25 Pesos pro Kubikmeter, die folgenden 10 werden mit 0,50 Pesos veranschlagt. Ein 20-Pfund Gaszylinder, der einem 3-köpfigen Haushalt für ca. einen Monat zum Kochen reicht, kostet 7 Pesos (0,29 US$). Ein Festnetzgespräch kostet 0,05 Pesos á 3 Minuten. Die Ausgaben einer 3-köpfigen kubanischen Familie für Strom, Wasser, Gas und Telefon wurden zuletzt für das Jahr 2011 auf 40 Pesos pro Monat (1,64 US$) veranschlagt. Lediglich wenn Vielverbraucher wie Klimaanlagen im Haus sind, steigt der Strompreis signifikant. Nach offiziellen Angaben decken die derzeitigen Stromtarife nur etwa 20 Prozent der Kosten.
  • Die meisten Kubaner (alle, die beim Staat beschäftigt sind) zahlen keine Einkommenssteuer oder andere direkten steuerlichen Abgaben. Sozialversicherungsbeiträge wie bei uns existieren in Kuba nur für Beschäftigte des Privatsektors. Renten und Invalidenschutz werden vom Staat ohne Lohnabzug übernommen.
  • Sozialsysteme: Bildung und Gesundheit sind in Kuba grundsätzlich kostenlos, viele Medikamente sind subventioniert. Ein Blister Schmerztabletten (Dipirona) kostet bspw. 1 CUP (0,04 US$) in den Apotheken. Trotz der Probleme und Mangelerscheinungen in diesem Sektor ist eine kostenfreie Versorgung gewährleistet, die auch teure Operationen mit einschließt. In vielen Einrichtungen wie Universitäten, Altenheimen, etc. wird stark subventioniertes Kantinenessen angeboten, das umgerechnet wenige US-Cent kostet und in einigen Einrichtungen (v.a. Universitäten) auch frei ausgegeben wird. Schulmaterialien und Uniformen werden ebenfalls subventioniert bis kostenlos abgegeben.
  • Transport: Das staatliche Transportwesen ist in Kuba ebenfalls stark subventioniert. Eine Busfahrt kostet in der Regel 0,40 Pesos (0,01 US$), für Studenten die Hälfte. Ein Inlandsflug von Havanna nach Santiago (900 km) kostet für Kubaner etwa 10 US$, etwas billiger bepreist sind Bus und Bahn (150 Pesos oder 6,25 US$). Reisen in nahegelegene Städte kosten in der Regel weniger als 2 US$.
  • Kultur und Freizeit: Die Eintrittspreise für Museen und Konzerte sind für Kubaner überaus erschwinglich. Ein Kinobesuch kostet beispielsweise 2 Pesos (0,08 US$), viele Museen verlangen einen Peso Eintritt. Höherwertige Kulturangebote wie Ballettvorstellungen oder große Konzerte kosten geringfügig mehr. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Kulturhäuser und Kunstgalerien, die grundsätzlich jedem offenstehen. Auch Druckerzeugnisse sind stark subventioniert. So kosten die Tageszeitungen offiziell 0,20 Pesos (auch wenn in größeren Städten meist 1 Peso verlangt wird) und viele Bücher wandern für 10 bis 20 Pesos über den Ladentisch. Übernachtungen auf einem Campingplatz kosten pro Nacht nicht mehr als 20 Pesos für drei Person inklusive Mittagessen. Das Eis in den landesweiten „Coppelia“-Eisdielen kostet in der Regel 1 Peso pro Kugel, eine Schachtel filterlose Zigaretten 8 Pesos.

An dieser Stelle muss allerdings erwähnt werden, dass viele der subventionierten Produkte und Dienstleistungen in Folge der Sonderperiode deutlich an Qualität eingebüßt haben. So mangelt es an Wohnraum für junge Familien, die staatlichen Restaurants sind zwar erschwinglich aber bieten begrenzte Auswahl und auch im Gesundheitswesen kommt es des öfteren zu Wartezeiten, die mit „Geschenken“ an den Arzt abgekürzt werden.

bodega-medium

Bodega, in der die Libreta-Rationen verkauft werden (Quelle: LastStands)

Das Kernstück der Subventionen besteht allerdings in der 1961 eingeführten Lebensmittelkarte, der Libreta, welche die Grundversorgung mit Lebensmitteln sicherstellen soll und die jedem Kubaner im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt wird. Sie beinhaltet derzeit für eine erwachsene Person folgende monatliche Ration:

  • 2,2kg Reis
  • 250ml Öl
  • 5 Eier
  • 1 Brötchen pro Tag
  • 800g Fleisch (meistens Hähnchen)
  • 1,3kg weißen Zucker
  • 450g braunen Zucker
  • 230g Bohnen
  • 115g Kaffee
  • 1kg Salz alle drei Monate
  • 1 Schachtel Streichhölzer
  • (Milchpulver und Sojajoghurt für Kinder unter 7 Jahren, Rentner und Kranke erhalten ebenso Sonderrationen)

Die Rationen können je nach Verfügbarkeit variieren, halten aber in etwa ihren Kaloriengehalt. Einigkeit besteht darüber, dass trotz Libreta und all der oben genannten Subventionen die staatlichen Löhne und Renten „weiterhin unzureichend sind um die basalen Bedürfnisse der kubanischen Familien zu befriedigen“ (Raúl Castro auf dem VII. Parteitag im April 2016). Während über die Libreta einst ein großer Teil des Grundbedarfs samt Konsumwünschen wie Kinderspielzeug gedeckt wurde, reicht sie heute in den meisten Fällen nur für die ersten 10 bis 15 Tage des Monats, danach muss auf den Bauernmärkten bzw. im Devisenladen nachgekauft werden – und hier gestaltet sich die Situation komplizierter.

Billiger Reis und teures Internet

Elementare Dinge wie Reis und Bohnen gibt es in der Bodega, wo auch die Libreta-Rationen für den symbolischen Preis von etwa 10 Pesos (0,40 US$) erworben werden. Darüber hinaus können dort auch billige Lebensmittel nachgekauft werden. Ein Pfund Reis kostet in der Bodega etwa 4 Pesos, Erbsen und Bohnen sind ab 3 Pesos pro Pfund erhältlich und ein Brötchen kostet 1 Peso. Verhungern muss in Kuba also niemand. Früchte und Gemüse auf den Bauernmärkten sind jedoch deutlich teurer. Ein Pfund Tomaten kostet beispielsweise bis zu 30 Pesos (1,25 US$), genauso viel kostet das Pfund Schweinefleisch im freien Verkauf.

Viele Dinge sind zudem nur in den Devisenläden erhältlich, die trotz jüngster Preissenkungen auch im internationalen Vergleich teuer sind. Ein Liter Sojaöl kostet beispielsweise 1,95 US$ während ein 50g-Stück Seife mit 0,70 US$ zu Buche schlägt. Dosenbier und andere Erfrischungsgetränke kosten 1 US$, 500g Milchpulver 2,65 US$. „Luxusprodukte“ wie z.B. Pesto oder Elektronikartikel sind unregelmäßig erhältlich und dann entsprechend hoch bepreist. Für ein Mittagessen in einer privaten Cafeteria werden 1-3 US$ fällig, ein Glas Fruchtsaft kann dort bis zu 5 Pesos, also 0,20 US$ kosten. Eine abwechslungsreiche Ernährung zu gestalten ist bei niedrigem Einkommen in Kuba schwierig. Auch Internet (2 US$ pro Stunde) sowie Mobiltelefonie (0,35 US$ pro Minute) sind überdurchschnittlich teuer. Beim Transport verhält es sich ähnlich: Wer es eilig hat oder sich nicht in einen überfüllten Bus quetschen will, zahlt in Havanna 0,40 US$ für die Fahrt mit dem Sammeltaxi.

Havana-store-1

Devisenladen in Havanna (Quelle: Commons)

Wie lebt also der Durchschnittskubaner unter diesen Bedingungen? An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass der der Familienverband in Kuba auch ökonomisch eine wesentlich größere Rolle als bei uns spielt, weshalb sich oftmals mehrere Lohn- und Pensionseinkommen addieren. Eine jüngst in dem Sammelband „Retos para la equidad social“ (siehe Quellen) veröffentlichte Studie, versucht die Ausgaben eines typischen Haushalts im Jahr 2011 zu berechnen. In diesem Leben laut Zensus meist 3 Personen, die monatlichen Einnahmen liegen gemäß dem damaligen Durchschnittslohn bei 2 erwachsenen Verdienern und einem Kind bei 910 Pesos (38 US$). Um über die Libreta-Rationen hinaus Lebensmittel für eine empfohlene Energiezufuhr von 2.400 kcal pro Tag und Person zu gewährleisten, muss die Familie 404 Pesos (16,8 US$), also 54 Prozent des Familieneinkommens, für Lebensmittel ausgeben. Der Rest wird im wesentlichen für Produkte des täglichen Bedarfs wie Kleidung und Hygieneartikel aufgebraucht.

Viel Platz für Reserven oder Investitionen bleibt hier nicht. In anderen Konstellationen (ein Versorger und zwei Rentner oder Kinder) würde die knapp kalkulierte Rechnung ohnehin nicht aufgehen. Nun beträgt die durchschnittliche Kalorienzufuhr in Kuba allerdings nicht 2.400 sondern 3.285 kcal pro Person und Tag. Bei einem Monatslohn von 29 US$ ist das rein rechnerisch fast unmöglich, außer man ernährt sich von Unmengen Reis und Zucker. Dabei sehen die Kubaner doch eigentlich recht wohlgenährt aus und es bleibt die Frage: woher kommen all die Smartphones, die man fast überall auf den Straßen sieht? Irgendetwas scheint an dieser Zahl nicht zu stimmen…

Lohn und Einkommen, zwei Seiten einer Medaille

Wenn wir vom staatlichen Durchschnittslohn sprechen, dann muss zunächst geklärt werden, für wen dieser eigentlich gilt. Von den 4,9 Millionen kubanischen Berufstätigen arbeiten derzeit 70 Prozent für den Staat. Nur auf sie trifft der Durchschnittslohn zu, der zwischen 435 Pesos (18 US$) im Gastronomiebereich und 1.147 Pesos (48 US$) in der Zuckerindustrie variiert und zudem auch von Provinz zu Provinz schwankt. Die 893.000 Genossenschafts- und Kleinbauern sowie die rund 500.000 privaten Kleingewerbetreibenden werden in der Lohnstatistik nicht erfasst. Insbesondere die letztgenannte Gruppe kann jedoch mit deutlich höheren Löhnen aufwarten.

Auch Bonuszahlungen in konvertiblen Pesos (1 CUC = 1 US$), sind nicht in der Statistik eingerechnet. Arbeiter im Tourismus- und Bankensektor sowie Mitarbeiter von Joint-Ventures mit ausländischen Unternehmen erhalten oftmals den größten Teil ihres Gehalts in CUC ausbezahlt. Viele von ihnen erhalten zudem Trinkgelder, die den staatlichen Lohn um ein vielfaches übertreffen können. Diese sind in der Rechnung naturgemäß auch nicht einbezogen.

Doch können diese Fakten allein schon die robuste Kaufkraft erklären, die man in den vollgedrängten Devisenläden Havannas manchmal erleben kann? Immerhin nahmen die Umsätze im Einzelhandel nach den letzten Preissenkungen um 50 Prozent zu. Einen wichtigen Anhaltspunkt liefern die Berechnungen des ehemaligen kubanischen Wirtschaftsministers Dr. José Luis Rodríguez. Dem Ökonom zu Folge macht der staatlich ausbezahlte Lohn im Schnitt nur 46,8 Prozent des persönlichen Einkommens eines Kubaner aus. Lohn und Einkommen sind also in Kuba zwei Paar Stiefel, auch wenn es für uns zunächst komisch klingen mag. Liegt der reale Durchschnittslohn also in Wirklichkeit nicht bei 29 sondern 44 US$ pro Monat? Doch so einfach ist es auch wieder nicht.

Kubas neue Mittelschicht

Evolving-Cuban-Ex1-lg_tcm80-209860

Grafik 1: Einkommensgruppen in Kuba nach Boston-Studie (Quelle: BCG.com)

Einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts „Boston Consulting Group“ zu Folge, bei der das Konsumverhalten der Kubaner untersucht werden sollte, liegt die kubanische Kaufkraft gut 25 Prozent über den offiziellen Angaben. Etwa 50 Prozent der befragten Kubaner gaben an, über ein jährliches Haushaltseinkommen von 300 bis 400 US$ zu verfügen, 64 Prozent von ihnen beziehen dies allein durch den staatlichen Lohn (siehe Grafik 1). Knapp ein Drittel der interviewten bezifferte ihren Jahreslohn auf 600 bis 700 US$, was einem monatliche Einkommen von über 50 US$ entspricht. 20 Prozent der Befragten verfügen über ein Haushaltseinkommen von 1.800 bis 2.000 US$ im Jahr, also gut 160 US$ pro Monat.

Laut den Daten von Boston Consulting geben kubanische Haushalte durchschnittlich 52 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel, Kleidung und Produkte des täglichen Bedarfs aus. Ein international hoher Satz wie die Vergleichsbeispiele Vietnam (40 Prozent), Chile (29 Prozent) und USA (12 Prozent) zeigen. Dafür sind die Ausgaben für Bildung und Gesundheit mit 3 Prozent des Haushaltseinkommens besonders niedrig. US-amerikanische Familien benötigen für diesen Posten fast ein Viertel ihrer Mittel. Trotz der interessanten Zahlen ist die Studie jedoch mit einer gewissen Vorsicht zu werten, da lediglich 326 Personen befragt wurden, die ausschließlich aus dem urbanen Raum von Havanna und Santiago stammen.

Imprimir

Grafik 2: Monatliches kubanisches Einkommen (US$) nach Studie von Rose- Marketing (Quelle: Valuewalk)

Eine weitere, etwas repräsentativere Studie wurde am 1. Juli vom russisch-amerikanischen Marktforschungsinstitut „Rose Marketing“ veröffentlicht. Sie liefert noch erstaunlichere Ergebnisse. Demnach verfügen 54 Prozent der Befragten über ein Einkommen, das zwischen 50 und 200 US$ im Monat liegt. Lediglich 26,6 Prozent verdienen monatlich weniger als 50 US$, während 11,8 Prozent zwischen 200 und 500 US$ verdienen. Die Rose-Studie zeigt auch, wie empfindlich sich die Schere zwischen Arm und Reich in den letzten Jahren geöffnet hat. 1,1 Prozent der Befragten gaben an, zwischen 1.000 und 2.000 US$ zu verdienen während 0,4 Prozent von über 2.000 US$ pro Monat leben. 62 Prozent der Befragten berichten, dass ihr Einkommen in den letzten 6-12 Monaten gestiegen sei. Tatsächlich haben die staatlichen Löhne seit 2013 um 45 Prozent angezogen. 70 Prozent der Teilnehmer erwarten nun auch, dass ihr Einkommen in den nächsten 6-12 Monaten weiter steigt. Befragt nach den in nächster Zeit geplanten Anschaffungen wurden Hausverbesserungen mit 16 Prozent am häufigsten genannt, dicht gefolgt von Parfüm (15 Prozent), Kleidung (13 Prozent) und Flugtickets (12 Prozent). Immer mehr Kubaner leisten sich darüber hinaus einen Urlaub im eigenen Land. 2015 zählte Kuba bereits 1,3 Millionen heimische Touristen, die Zuwachsraten liegen jährlich im zweistelligen Bereich.

Kuba scheint heute über eine zunehmend konsumfreudige und zahlungskräftige Mittelschicht zu verfügen. Dafür spricht auch, dass die ehemals für Touristen geplanten Devisenläden mittlerweile trotz der hohen Preise zur normalen Einkaufsstätte für Kubaner geworden sind. Oft wird berichtet, dass nur wer über CUC verfügt in diesen Läden einkaufen kann. Tatsächlich kann man mittlerweile in Kuba an den meisten Orten mit beiden Währungen bezahlen, die zudem seit jeher in den staatlichen Wechselstuben frei umgetauscht werden können. Auch Touristen können so Zugang zu kubanischen Pesos erhalten und damit von einem Teil der staatlichen Subventionen Gebrauch machen. Die wachsende Kaufkraft zeigt sich ebenso beim Internet. Entgegen landläufiger Berichterstattung, wonach das Internet „unerschwinglich“ für Kubaner sei, gaben 77 Prozent der Befragten an, wenigstens ab und zu Zugang zum weltweiten Netz zu haben. 66 Prozent nutzen dafür die inselweiten WiFi-Hotspots, die 2 US$ pro Stunde kosten. Für die Umfrage wurden zwischen Mai und Juni 2016 gut 1.000 Kubaner aus sechs verschiedenen Provinzen befragt, der Konfidenzintervall beträgt 95 Prozent, die Fehlergrenze liegt bei 3 Prozent.

Woher stammt das Geld?

Wenn die staatlichen Löhne nur einen gewissen Teil der Einkommenssumme ausmachen, bleibt die Frage, woraus sich der Rest zusammensetzt. Es sei an dieser Stelle zunächst noch einmal daran erinnert, dass der offizielle Durchschnittslohn von 29 US$ keine Trinkgelder und Bonuszahlungen mit einbezieht und nur für Staatsbedienstete gilt. Auch diese verfügen jedoch meist über eine oder mehrere zusätzliche Einkommensquellen. Der häufigste kubanische Nebenerwerb sind heute die Geldüberweisungen von Familien aus dem Ausland welche in den letzten Jahren rapide zugenommen haben, nicht zuletzt aufgrund der Lockerungen in den Beschränkungen Seitens der USA. 2015 wurde das Limit von 2.000 auf 8.000 US$ pro Jahr und Person angehoben, die Gesamtsumme ist seit 2008 von damals 1,45 auf heute 3,35 Mrd. US$ pro Jahr angestiegen.

Davon profitieren konservativen Schätzungen zu Folge etwa 20 Prozent der Kubaner, in Havanna dürften es bis zu 40 Prozent der Bevölkerung sein. Hellhäutige Kubaner erhalten zudem deutlich häufiger Geld aus dem Ausland als schwarze, da deren Familien nach der Revolution tendenziell eher geblieben sind. Dies lässt eine ethnisch differenzierte Ungleichheit entstehen, die sich auch beim Einkommen in den Jobs des Privatsektors widerspiegelt. Vom wohlhabendsten Fünftel der Kubaner leben laut der Boston-Studie nur noch zwei Prozent allein vom staatlichen Lohn, bei den meisten ist es eine Mischform aus mehreren Einkommensarten. 45 Prozent von ihnen gaben an, ihr Einkommen ausschließlich durch Auslandsüberweisungen und privater Geschäftstätigkeit zu bestreiten.

655d9_envios_de_dinero_a_cuba_efe

Geldsendungen aus dem Ausland werden oft über Western Union abgewickelt (Quelle: diariolasamericas)

Denn auch das private Kleingewerbe hat zugenommen. Mit dem Geld der US-Verwandtschaft wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Geschäftsgründungen finanziert. Privat geführte Bars, Nachtklubs, Handy-Kliniken und Copyshops schossen wie Pilze aus dem Boden. Vom kleinen Friseursalon bis zur professionellen Vermietung an Touristen gibt es mittlerweile über 200 Berufe, in denen auf Basis von Angebot und Nachfrage gearbeitet wird. Im Privatsektor sind die Löhne in der Regel deutlich höher als beim Staat. Während eine Putzfrau in einer Privatpension bis zu 60 US$ pro Monat verdienen kann, gehen die Einkünfte für den Inhaber oft in den mittleren dreistelligen Bereich. Viele behalten darüber hinaus ihren Zweitjob beim Staat. Die Lage ist komplex, nicht nur in der Stadt. Auch private Landwirte können unter guten Bedingungen ein Monatseinkommen von mehreren hundert US-Dollar erzielen, erscheinen jedoch ebenso wenig in der Statistik wie der illegal arbeitende Dorftaxifahrer, der mit geklautem Diesel seine Kosten senkt und an die 500 US$ im Monat durch Überlandfahrten verdient – damit kann er neben seiner Familie auch Eltern und Schwiegereltern durchfüttern, die eigentlich von 200 Pesos Staatsrente leben.

Neben den legalen Tätigkeiten gibt es auch den Schwarzmarkt, der bereits lange vor der Revolution in Form von Schmuggel eine geläufige Einkommensquelle in Kuba war. In jüngster Zeit haben sich hier allerhand neue Möglichkeiten aufgetan, wie sich anhand der illegalen Weiterverkäufer (sog. „revendedores“) von Internetkarten zeigt. Mit Knappheit von bestimmten Produkten zu spekulieren, sie zu horten und teurer weiter zu verkaufen, ist ein gängiges Phänomen in Lateinamerika und auch in Kuba nicht unbekannt. Darüber hinaus wird auch der Staat bestohlen. Mit der Steuererklärung, die wie gesagt nur für den Privatsektor gilt, nehmen es einige nicht so genau. Schwarzarbeit ist auf Kuba weit verbreitet. Immer wieder tauchen in den kubanischen Medien zudem Berichte über Korruptionsfälle auf. Sie reichen vom systematischen Diebstahl von Lebensmitteln, Fabrikinventar und Baumaterial bis hin zum krassen Buchungsbetrug über mehrere Jahre hinweg. Oftmals sind größere Personengruppen daran beteiligt. Die volkswirtschaftlichen Schäden werden vom kubanischen Rechnungshof im dreistelligen Millionenbereich verortet.

Was sagt das alles nun über die realen Einkommen aus?

Wie hoch der kubanische Durchschnittslohn nun wirklich ist, lässt sich schwer bemessen. Zu ungenau sind die bisher ermittelten Daten. Unzweifelhaft gibt es eine soziale Gruppe auf Kuba, die ihren Lebensunterhalt mit weniger als 29 US$ bestreiten muss. Bei nur einem Verdienst kann sich ein solcher Haushalt dann trotz staatlicher Unterstützung nur mit Mühe über Wasser halten. Wenn keine intakten Familienstrukturen vorhanden sind, kann dies vor allem bei älteren Menschen manchmal auch den Absturz in eine prekäre Lage bedeuten. Auch die zunehmende soziale Ungleichheit, die ethnisch differenziert ist, stellt eine Herausforderung für die Gesellschaft dar. Nicht ohne Grund ist die Steigerung der Löhne und Renten eines der Hauptziele der Regierung Raúl Castros.

Anders als in den meisten Medien dargestellt, stellt die Gruppe der reinen Staatsangestellten ohne Zugang zu Nebeneinkünften jedoch nicht die Mehrzahl der kubanischen Bevölkerung sondern eher das untere Einkommensdrittel dar. Die überwiegende Mehrheit der Kubaner verfügt über weitere Einkommensquellen und dürfte am Ende des Monats auf mindestens das doppelte von dem kommen, was als offizieller Durchschnittslohn genannt wird. Hierbei sind die zahlreichen Subventionen wie die Libreta nicht eingerechnet. Sie allein kostet den Staat jährlich gut 100 US$ pro Bürger, egal ob Kleinkind, Erwachsener oder Rentner. Doch auch ohne die „zweite Lohntüte“ sollten die meisten Familien über ein monatliches Haushaltseinkommen verfügen, das klar im dreistelligen US$-Bereich liegt.

Hinzu kommt, dass ein Vergleich der Löhne nur Sinn macht, wenn man die Kaufkraftparität (PPP) des jeweiligen Vergleichslandes mit einbezieht. Die Weltbank gibt im Falle Kubas den Umrechnungsfaktor 0,32 im Verhältnis zum Dollar an. Will heißen: Was man in den USA für 1 US$ bekommt, lässt sich aufgrund der anderen Preise in Kuba für 32 Cent erwerben. Der staatliche Lohn wäre somit in den USA knapp 100 US$ und in Deutschland etwa 82 € wert, wobei auch dieser Umrechnungsfaktor das tatsächliche Preis- und Subventionsniveau wahrscheinlich nur unzureichend vermitteln kann. Auch wenn weitere Steigerungen des Lebensniveaus erforderlich sind, die so oft bemühte Zahl vom offiziellen Durchschnittslohn sagt erstaunlich wenig über den tatsächlichen Stand der ökonomischen Teilhabe in Kuba aus.

Quellen

Kuba reduziert Preise für Lebensmittel und Konsumgüter um bis zu 50 Prozent

13c2f753223945f41350ab962a057d442ab649de

Seit dem 22. April sind viele Konsumgüter und Lebensmittel deutlich günstiger auf Kuba (Quelle: BBC)

Kubas Regierung hat die Preise für eine Reihe von Produkten reduziert, wie das Ministerium für Finanzen und Preise jüngst bekannt gab. Die Maßnahme zeige den „politischen Willen der Staats- und Parteileitung jede Möglichkeit zu realisieren, um die Situation der Bevölkerung zu verbessern und die Kaufkraft des Peso Cubano zu erhöhen“, heißt es in einer Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur ACN.

Die Preissenkungen betreffen auch einige essentielle Produkte in den den staatlichen Läden in nationaler Währung (Bodega). Der Preis für ein Pfund Reis wurde dort beispielsweise von 5 auf 4 Pesos Cubanos (CUP) um 20 Prozent gesenkt. Reis und Erbsen aus heimischer Produktion werden nun statt mit 3,50 CUP mit 3 CUP bepreist. Die Preisreduzierungen greifen für alle staatlichen Läden des Landes und traten am 22. April in Kraft.

Der aktuelle Durchschnittslohn auf Kuba beträgt 687 Pesos Cubanos, was etwa 27 US$ entspricht. Obwohl die Löhne seit 2013 um 45 Prozent gestiegen sind, bekräftigte Präsident Raúl Castro zuletzt auf dem letzten Parteitag der regierenden Kommunistischen Partei (PCC) Ende April, dass „Löhne und Renten weiterhin unzureichend sind um die basalen Bedürfnisse der kubanischen Familien zu befriedigen.“

In Kuba stießen die Maßnahmen auf große Resonanz und wurden von der Bevölkerung begrüßt. Obwohl sie noch immer unzureichend seien, würden nun immerhin einige wichtige Produkte des täglichen Bedarfs für viele Erschwinglicher werden. Auch wurde gelobt, dass sich die Preisreduzierungen nicht nur auf Lebensmittel, sondern auch auf Konsumgüter wie Seife und Energiesparlampen ausdehnten. Letztere wurden beispielsweise um 40 Prozent billiger. Im Nachfolgenden eine vollständige Liste der neu bepreisten Produkte.

f0058609

ffff_2

Zentralbank von Kuba bereitet Vereinheitlichung der Währung vor

moneda-cubana

Kubas Zentralbank bereitet sich auf das Ende des konvertiblen Peso (unten) vor (Quelle: Albertoyoan)

Havanna. Der Präsident der Kubanischen Zentralbank (BCC), Ernesto Medina, hat die Beseitigung der Doppelwährung im Land in Aussicht gestellt. Es handele sich um „eine Aufgabe von hoher Verantwortung“ für das nationale Bankensystem. Im Gespräch mit der kubanischen Nachrichtenagentur AIN erläuterte er, man habe gemeinsam mit staatlichen Gremien eine Arbeitsgruppe gebildet, um sich für den „Tag Null“ vorzubereiten. Die Finanzinstitutionen müssten die Umsetzung der monetären Vereinheitlichung unterstützen, so Medina, der die Zentralbank zugleich als Minister im Regierungskabinett vertritt.

In Kuba gibt es seit 1994 zwei Währungen, den Nationalen Peso (CUP) und den sogenannten Konvertiblen Peso (CUC), dessen Wert an den US-Dollar gekoppelt ist. Der offizielle Wechselkurs beträgt 24:1. Im Oktober 2013 hatte die Regierung die Abschaffung der Doppelwährung angekündigt. Geplant sei ein Übergang ohne „Schocktherapie“. Seit kurzem kann in einigen Supermärkten und staatlichen Geschäften bereits mit beiden Währungen zum Kurs von 1:25 bezahlt werden.

Um bei einer Vereinheitlichung der Währung das Preisniveau im Einzelhandel zu halten, werde eine größere Menge an Geldumlauf benötigt, so Medina. Man erwäge auch, Geldscheine mit höherem Nennwert auszugeben.

Mit der Einrichtung entsprechender Kassenterminals in bestimmten Einkaufszentren werde eine stärkere Nutzung von Magnetkarten angestrebt, um so den Gebrauch von Bargeld zu vermeiden und den Geschäftsbetrieb zu vereinfachen. Mit dem Ministerium für Binnenhandel, dem Stromversorger Unión Eléctrica, der Gesellschaft für Telekommunikation (ETECSA) und weiteren Institutionen und Unternehmen werde derzeit daran gearbeitet, diese Informatiksysteme bei den verschiedenen Verkaufsstellen einzuführen.

von Klaus E. Lehmann / Amerika21

Neue Banknoten für Kuba und Debatte um Währung

Billete 50 pesos

Werden erneuert: Kubanische Peso-Scheine (Quelle: Aplopress)

Havanna. Kubas Zentralbank hat die Ausgabe neuer Geldscheine der Landeswährung Kubanischer Peso (CUP) mit zusätzlichen Sicherheitsmarken angekündigt. Die Maßnahme betrifft Neu-Emissionen von Banknoten im Wert von 100, 50 sowie 20 Pesos. Bereits zirkulierende Scheine behalten ihre Gültigkeit.

Die Maßnahme ist vor dem Hintergrund der geplanten Währungszusammenführung zu sehen. In Kuba existieren seit 1994 zwei Währungen. Neben dem CUP besteht der sogenannte Konvertible Peso (CUC), dessen Wert an den US-Dollar gekoppelt ist. Der offizielle Wechselkurs beträgt 24:1. Im Oktober vergangenen Jahres hatte die Regierung die Abschaffung der Doppelwährung angekündigt. Das Kabinett habe dazu einen Zeitplan gebilligt, hieß es in einer Regierungserklärung. Geplant sei ein Übergang ohne „Schocktherapie“.

Die Währungszusammenführung sei „unaufschiebbar“ und hätte „schon vor langer Zeit geschehen müssen“, erklärte erst kürzlich der kubanische Ökonom Joaquín Infante Ugarte, Berater des Präsidenten der Vereinigung kubanischer Volkswirte und Buchhalter (ANEC), gegenüber der kubanischen Tageszeitung Granma. Das parallele Währungssystem verschleiere die wirklichen Produktionskosten und verzerre unter anderem die wirtschaftliche Einschätzung von Investitionen. Auch würden Exporte und Importe unterbewertet, so Infante Ugarte. Das hängt damit zusammen, dass in der Buchführung von staatlichen Unternehmen und Banken in der Regel mit einem Kurs von 1:1 gerechnet wird. Zudem gebe es in Kuba eine dritte Währung, sie sogenannten Liquiditätspapiere (CLC), die nur vom Staat verwendet werden und „als diejenigen CUC bezeichnet werden, die eine Deckung in Devisen aufweisen.“ Daher bestehe gerade für staatliche Transaktionen „die dringende Notwendigkeit“ beide Währungen zusammenzuführen. Die Währungsdualität provoziere eine „übermäßige Zentralisierung operativer Entscheidungen, den formalen Charakter der Finanzen und die Lenkung der Wirtschaft durch administrative Entscheidungen statt konjunkturellen und finanziellen Indikatoren zu folgen.“

In den vergangenen Monaten sind bereits einige Maßnahmen ergriffen worden, die mit der geplanten Abschaffung des parallelen Währungssystems im Zusammenhang stehen. So kann seit kurzem in einigen Supermärkten und staatlichen Geschäften bereits mit beiden Währungen zum Kurs von 1:25 bezahlt werden. Damit entfällt für die Kunden der vorherige Geldumtausch – mehr Kaufkraft erhalten sie indes nicht. Eine Steigerung der Kaufkraft gehe auch nicht automatisch mit der Währungszusammenführung einher, warnt Infante Ugarte – dafür sei eine Steigerung der Produktivität nötig.

von Andreas Knobloch / Amerika21

Kubanischer Peso wird Zahlungsmittel in Devisenläden

La Puntilla

„La Puntilla“ in Havanna, eines der größten kubanischen Einkaufszentren, akzeptiert seit März auch kubanische Pesos für Devisenprodukte (Quelle: Panoramio).

Der kubanische Peso (CUP) wird in den Devisenläden des Landes schrittweise als reguläres Zahlungsmittel eingeführt. Die Regierung hat 2011 die Abschaffung des dualen Währungssystems beschlossen, die jetzige Maßnahme ist die erste auf diesem Weg mit direkten Auswirkung für die Bevölkerung. Bis Ende Mai werden die Kunden der 28 größten Geschäfte des Landes ihre Zahlungen nicht nur in konvertiblen Pesos, sondern auch in nationaler Währung oder über eine Kundenkarte tätigen können. In jeder Provinz soll dann mindestens ein Devisenladen diese Optionen anbieten – doch das ist erst der Anfang.

Experimente „ohne Traumata“

Bereits Anfang März begannen in Havanna die beiden Geschäfte „La Copa“ und „La Puntilla“ auf experimenteller Basis nach dem neuen Modell zu arbeiten. Die Läden unterstehen den staatlichen Handelskonzernen „TRD Caribe“ und „CIMEX“, die zu den größten Unternehmen des Landes zählen. Sie halten de facto das Einzelhandelsmonopol in Kuba und generieren jährliche Deviseneinnahmen im Milliardenbereich. Ihre Einkaufszentren bieten importierte Produkte für konvertible Pesos (CUC) an. Seit Beginn des Experiments können die Preise zum offiziellen Wechselkurs von 25:1 nun auch in kubanischen Pesos bezahlt werden, wobei jede einzelne Rechnung auch mit einer Kombination beider Währungen beglichen werden kann, das Wechselgeld wird in CUC ausbezahlt.

„Der Prozess macht Fortschritte ohne irgendwelche Traumata zu erzeugen. Unser Arbeitsplan erlaubt uns, dieses System graduell zu etablieren: zuerst im Lebensmittelbereich, dann für die gesamte Produktpalette des Ladens, um die Leute langsam damit vertraut zu machen“, sagte der Vize-Handelsdirektor von CIMEX, Arturo Kautzmann, gegenüber der Zeitung „Juventud Rebelde„. CIMEX-Vizechefin Barbara Soto Sánchez erklärte gegenüber dem Medium, dass die Maßnahmen schrittweise auf alle Devisengeschäfte des Landes ausgedehnt werden sollen. Der Prozess wird von der Wirtschaftskommission der Regierung überwacht, die für die Durchsetzung der 2011 verabschiedeten Leitlinien verantwortlich ist.

Die Buchführung und die Konten der Geschäfte sollen weiterhin in CUC betrieben werden, während die kubanischen Pesos gesondert abgerechnet werden, um damit auch die Löhne der Angestellten zu begleichen. Dies sei Kautzmann zu Folge lediglich eine „technische und praktische Lösung“, man wolle nicht in teure Buchhaltungssysteme und Gerätschaften investieren, wenn das Land in Kürze über eine einzige Währung verfügen werde. Dennoch erfordere die Umstellung verstärkte Aufmerksamkeit und Kontrolle, um Korruption und Diebstahl vorzubeugen. Als neue Sicherheitsmaßnahme wird das Bargeld in den Geschäften nun häufiger aus den Kassen entnommen. Zusätzlich werden ab sofort auch Kundenkarten sowie internationale Kreditkarten verstärkt als Zahlungsmittel akzeptiert. Die ersten Resultate des Experiments sind bereits positiv: „La Puntilla“ hat im März etwa 50.000 kubanische Peso (ca. 2.000 US$) eingenommen, in der ersten Aprilwoche allein waren es 25.000. Kubanischen Medienberichten zu Folge wird das neue Zahlungsmodell gut angenommen. Abgesehen von anfänglichen Verwirrungen, wie fehlenden Preisschildern für den CUP, verlief die Umstellung reibungslos.

Im Oktober 2013 hat die Parteizeitung „Granma“ angekündigt, dass der kubanische Peso als einziges Zahlungsmittel beibehalten wird, sein Wert und seine Kaufkraft sollen gestärkt werden. Seitdem sind zahlreiche Kubaner dabei, ihre gesparten CUC in Peso oder eine andere Währung wie Dollar oder Euro umzutauschen, was zu langen Schlangen und Ausfällen bei den Wechselstuben in allen Teilen des Landes geführt hat. Viele von ihnen sind schon seit Tagen geschlossen, da nicht genügend Pesos auf Vorrat lagern. Eine generelle Knappheit des kubanischen Peso zeichnet sich ab, was seinen Wert steigen lässt. Aus diesem Grund sind zahlreiche inoffizielle Währungshändler entstanden, die CUCs zu besseren Konditionen umtauschen. Und auch einige Hotels in Havanna sollen unter der Hand konvertible Pesos jenseits der offiziellen Wechselkurse aufgekauft haben. Ein langsamer aber stetiger Wert- und Bedeutungsverlust der Devisenwährung ist eingeleitet.

Neue Realitäten für Kubas Staatsunternehmen

Damit erreicht die Währungsreform den ersten kritischen Punkt, an dem über die weitere Vorgehensweise entschieden werden muss. Zu den größten Schwierigkeiten gehört dabei die Reformierung der Staatsunternehmen, die derzeit noch größtenteils am Subventionstropf des Staates hängen. Sie verrechnen intern beide Währungen 1:1, was ihre Importe vergünstigt und gleichzeitig Exportanreize mindert. Bei einer schlagartigen Umstellung würden sie allerdings womöglich nicht mehr in der Lage sein, die Gehälter ihrer Angestellten zu bezahlen. Auch eine Neubewertung des Anlagevermögens steht den Betrieben bevor, was zahlreiche schmerzlichen Mängel und Defizite offenlegen wird die derzeit noch erfolgreich kaschiert werden können.

Die Grenzen des bisherigen Modells wurden neulich von Ulises Guilarte, Vorsitzender des kubanischen Gewerkschaftsbundes (CTC), an einem konkreten Beispiel anschaulich illustriert: Die Managerin eines Staatsbetriebes benötigte einen 50.000 US$-Kredit zum Import einer Maschine für die Keksproduktion in der Tourismusindustrie. Da ihr der direkte Weg zu einer kubanischen Bank versperrt blieb, stellte sie eine Anfrage beim zuständigen Ministerium. Aufgrund von Budgetengpässen wurde ihr allerdings nicht entsprochen – währenddessen gab das Land 1 Millionen US$ für den Import ausländischer Kekse aus.
Um mit diesen Absurditäten Schluss zu machen, sollen die Staatsunternehmen ab diesem Jahr rekapitalisiert werden, dürfen 50 Prozent der Nettoeinnahmen behalten und erhalten mehr Autonomie bei der Unternehmensführung.

Keine Schocktherapie, sondern graduelle Reform

Ein weiterer wichtiger Schritt der Unternehmensreform ist die Übertragung der Planungshoheit von den Ministerien auf die zentrale Unternehmensaufsicht (OSDE). Hinzu kommt eine schrittweise Abwertung des Peso für die Unternehmen, so dass der Wechselkurs für diese statt 1:1 nun 5:1 oder 10:1 (CUP in CUC) beträgt. Dies verteuert die Importe für die Betriebe, vergrößert aber gleichzeitig ihre Exporteinnahmen. Auch die Zuckerindustrie arbeitet bereits seit einigen Jahren mit verschiedenen Wechselkursen: 12:1 für Exporte, 7:1 für Importe und 4:1 für Ölimporte aus Venezuela. 2015 sollen die Ergebnisse der Reform evaluiert und anschließend in ein allgemeines Gesetz gegossen werden. Während profitable Unternehmen von den neuen Wechselkurse profitieren werden, stellen sie für unrentable Betriebe eine zusätzliche Bürde dar, da sich die Lohnsumme drastisch erhöhen wird – vielen von ihnen droht die Fusion, einigen sogar die Schließung. Ausländische Investitionen sollen diese Effekte abschwächen, indem neue, produktive Arbeitsplätze geschaffen werden. Derzeit werden 70% der Gewinne von nur 4% der Unternehmen erwirtschaftet – die meisten davon Joint-Ventures.

Mit der Einführung des Peso als Zahlungsmittel in den Devisenläden wird der Beginn der Währungsreform nun erstmals auch für die Masse der Bevölkerung sichtbar, in naher Zukunft soll die Produktpalette für Waren in Peso deutlich ausgeweitet werden. Dabei ist eine langsame Annährung beider Währungen das Ziel, von „Schocktherapien“ wie in Argentinien oder Brasilien will man in Havanna nichts wissen. Die Ergebnisse anderer Währungsreformen hat man deshalb sorgsam studiert, um mögliche Fehler zu vermeiden. Während der Peso für die Staatsbetriebe abgewertet wird, steht für die Bevölkerung eine Aufwertung als Zwischenschritt bevor – um sich dann in der Mitte zu treffen. Diese Aufwertung soll rechtzeitig angekündigt werden, der genaue Zeitpunkt ist jedoch unklar. Sicher ist, dass es einen „Tag X“ geben wird, an dem der CUC endgültig aus der Zirkulation verschwinden wird. Nach Einschätzung einiger kubanischer Ökonomen könnte dieses Datum frühestens – aber nicht unwahrscheinlich – der 1. Januar 2016 sein. Bis dahin wird der Peso noch in vielen weiteren Bereichen der Wirtschaft Fuß gefasst haben.

 

36727-fotografia-g

„In diesem Einkaufszentrum wird nationale Währung akzeptiert“, Hinweisschild am Eingang von „La Copa“ in Havanna (Quelle: Juventud Rebelde).

Währungsreform in Kuba: „Schneller als erwartet“

cuban-peso-685x342

Der Peso Cubano, in wenigen Jahren Kubas einzige Währung (Quelle: „Progreso Weekly„).

Nachdem wir bereits im letzten Jahr die historischen Ursachen des dualen Währungssystems sowie die Pläne zu seiner Abschaffung näher beleuchtet haben, hat die kubanische Regierung nun mit einem neuen Gesetz zur Anpassung der Preise im März erste Fakten geschaffen. In einem längeren Interview mit der Zeitschrift „Progreso Weekly“ stand der kubanische Ökonom Pavel Vidal, der als einer der besten Kenner der kubanischen Wirtschaft gilt, nun ausführlich Rede und Antwort zu den laufenden Veränderung. Die wichtigsten Fakten aus dem Gespräch sollen im Folgenden kurz zusammengefasst werden.

  • Wie wird die Währungsreform durchgeführt?
    Zunächst erklärt Vidal, dass die Währungsreform durch eine Abwertung des CUC  zustande kommen wird, an deren Ende seine Abschaffung steht. Zur Erinnerung: der offizielle Wechselkurs zwischen CUC (Peso Convertible) und CUP (Peso Nacional) beträgt für die Bevölkerung 1:25, während er im Staatssektor 1:1 beträgt. Der Ablauf erfolgt in mehreren Phasen. In diesem Jahr wird zunächst im Staatssektor angesetzt. Aus dem Gesetz folgert Vidal, dass die staatlichen Betriebe in den kommenden Wochen ihre CUC-Bestände an die kubanische Zentralbank verkaufen werden, um im Austausch dafür kubanische Peso zu erhalten. Für die Bevölkerung wird es dann einen „Tag Null“ geben, an dem jeder seine gesparten CUC gegen kubanische Peso eintauschen kann. Die Regierung hat ausdrücklich die Sicherheit privater Spareinlagen garantiert. Ein ähnliches Vorgehen erfolgte bereits bei der Entdollarisierung der Wirtschaft im Jahr 2003, als der CUC in den Staatsbetrieben erstmals Einzug hielt. Im darauffolgenden Jahr wurde der Dollar auch in der Bevölkerung umgetauscht.
  • Wann findet die Währungsreform statt?
    Wann genau dieser im Gesetzestext explizit erwähnte „Tag Null“ eintritt, ist nicht bekannt. Pavel Vidal sagte jedoch: „Nach Lektüre der Resolution 19, scheint es, dass die Dinge schneller als erwartet voranschreiten.“ Der Zeitplan der 2011 beschlossenen „Leitlinien zur Wirtschafts- und Sozialpolitik“ reicht fünf Jahre. Dazu passt auch, dass kubanische Unternehmen zu Beginn des Jahres aufgrund der Währungsreform bei ausländischen Geldgebern um einen zweijährigen Aufschub der Zahlungen gebeten haben. Während die Reform in den nächsten 24 Monaten vor allem innerhalb der staatlichen Unternehmen stattfinden wird, gelangt sie erst am Ende bei der Bevölkerung an. Der Tag, an dem der CUC endgültig aus der Zirkulation verschwindet, wird also wohl irgendwo im Jahr 2016 liegen.
  • Welche Chancen und welche Risiken bringt die Währungsreform mit sich?
    Mit der Einführung des neuen Peso, der konvertibel sein wird, multiplizieren sich nicht nur die Gewinne, sondern auch die Schulden der Betriebe, was strukturelle Anpassungen erfordert. Konkret heißt das, dass manche Firmen nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können und schließen müssen. Deshalb werden derzeit verstärkt mittlere Staatsbetriebe in Kooperativen umgewandelt. Allein im März wurde die Bildung von 228 neuen Kooperativen genehmigt, damit hat sich ihre Anzahl binnen weniger Wochen fast verdoppelt. Auch werden ohne Frage Inflationseffekte entstehen, sowohl die Preise als auch die Löhne werden Vidal zu Folge steigen. Wichtig sei, dass der Staat in der Übergangszeit den Unternehmen mit Krediten und Subventionen zur Seite steht.

    Dem Ökonomen zu Folge würden die Vorteile der Währungsreform die möglichen Risken deutlich ausstechen. Spätestens in vier bis fünf Jahren kämen die positiven Effekte der Reform für jeden zum Vorschein: Die Kaufkraft der Kubaner dürfte mittelfristig deutlich steigen. Transparenz, Effizienz und Vorbeugung von Korruption werden durch die Einführung einer einzigen Währung begünstigt, was auch bei Joint-Ventures von Vorteil ist. Es wird dann erstmals wieder möglich sein, die genaue Größe der kubanischen Wirtschaft zu bemessen, was Planung, Steuersystem und Statistik wesentlich vereinfacht und die internen Reibungsverluste reduziert. Durch eine kurzfristige Inflation werden die Preise stärker dem Weltmarkt angepasst, was auf makroökonomischer Ebene ebenfalls positiv ist. Vidal sieht durch die strukturierte Vorgehensweise der Regierung keine großen Risiken für eine andauernde Inflation.

Das Ende des dualen Währungssystems in Kuba (Teil 2)

Teil 1 der Artikelserie zum Ende des dualen Währungssystems in Kuba beleuchtete die Hintergründe und Ursachen der Existenz zweier Währungen und weshalb dieses Währungssystem ein zentrales Entwicklungshemmnis sowie eine Quelle der sozialen Ungleichheit auf Kuba ist. Teil 2 widmet sich, soweit es die bereits verfügbaren Informationen erlauben, den konkreten Plänen und den mittelfristigen Auswirkungen einer Vereinigung beider Währungen.

Die Reform als permanenter Tagesordnungpunkt

Das notwendige Übel zur Rettung der Revolution war niemals als permanente Lösung gedacht. Fidel Castro bekundete schon zu Beginn der Dollarisierung, dass dieser Schritt lediglich temporärer Natur sei. Die anhaltende Devisenknappheit machten jedoch weitere Schritte zur Vereinigung des Peso Convertibles (CUC) und des Peso Nacional (CUP) zur Unmöglichkeit. Die Probleme äußerten sich zuletzt von 2008 bis 2010 in Form einer Liquiditätskrise, die in der Bevölkerung auch „kleine Sonderperiode“ genannt wurde. Nach den drastischen Schäden zweier Hurrikane und der beginnenden Weltwirtschaftskrise hatte der Staat nicht mehr genug konvertible Währung um seine laufenden Ausgaben zu decken, was die kubanische Regierung zum Einfrieren der Konten sämtlicher ausländischer Investoren veranlasste.

Seit diesem Zeitpunkt verfolgt die Regierung einen strikten Sparkurs, der die Währungsreserven schon 2010 wieder auf den Vorkrisenstand erhöhte. Nichts desto trotz wurde auf dem VI. Parteitag der PCC, im Jahr 2011, das Ziel der Überwindung des dualen Währungssystems beschlossen. So heißt es in Nummer 55 der „Leitlinien“:

„Se avanzará hacia la unificación monetaria, teniendo en cuenta la productividad del trabajo y la efectividad de los mecanismos distributivos y redistributivos. Por su complejidad, este proceso exigirá una rigurosa preparación y ejecución, tanto en el plano objetivo como subjetivo.“

Es wird bis zur Vereinigung der Währungen vorangeschritten, wobei die Arbeitsproduktivität und die Effizienz der Verteilungs- und Umverteilungsmechanismen in Rechnung gestellt werden müssen. Aufgrund seiner Komplexität benötigt dieser Prozess eine strikte Vorbereitung und Durchführung sowohl auf objektiver, als auch auf subjektiver Ebene.

Am derzeitigen Beginn der zweiten Phase der Umsetzung der „Leitlinien“ lässt die kubanische Wirtschaft eine durchaus solide, wenn auch nicht überragende Performance erkennen: leichtes, aber stetiges Wachstum seit vier Jahren in Folge, Steigerung von Exporten und der Durchschnittsproduktivität. Dies ist Voraussetzung für einen graduellen Prozess der Vereinheitlichung beider Währungen.
Raúl Castro hatte hierzu schon im Juli 2013 auf einer Sitzung des Parlamentes klargestellt, dass die Währungsreform nun auf der Tagesordnung stehe. In Folge dessen wurde im Oktober ein Ministerratsbeschluss zur Erarbeitung der konkreten Roadmap getroffen. In der hierzu veröffentlichten Note heißt es, dass der Wert des CUP in seiner Funktion als Zahlungsmittel, buchhalterische Einheit und zur Messung der tatsächlichen ökonomischen Performance, in Verbindung mit anderen Maßnahmen zur Aktualisierung des ökonomischen Modells wiederhergestellt werden soll. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass die Währungsreform allein nicht in der Lage sein wird, die momentanen Probleme der kubanischen Wirtschaft zu lösen. Außerdem wurde den kubanischen Sparern die Sicherung ihrer Einlagen garantiert, seien sie in Form des CUC, CUP oder anderer Währungen. Konkrete Maßnahmen ließ die Note jedoch offen und verweist stattdessen auf die Veröffentlichung der Schritte gemäß ihrer Umsetzung. Allerdings wurde angekündigt, dass künftig auch mit CUP Produkte in Devisenläden erworben werden können (freilich zum offiziellen Wechselkurs 25:1).

Die Konturen der Reform

Dennoch lassen sich bereits einige Aussagen zum ersten Schritt der Reform machen. So sollen zunächst alle ERP (Enterprise Ressource Planning) Systeme angepasst werden und entsprechende Buchhaltungsrichtlinien erarbeitet werden. Zudem steht eine umfassende Schulung der involvierten Manager an. Die Modernisierung des Bankensektors wird derzeit gezielt vorangetrieben, die Öffnungszeiten von Banken sollen erweitert, ihre Angebotspalette ausgedehnt werden. Hierzu zählt vor allem der einfachere Zugang zu Krediten. Seit 2011 wurden Kleinkredite im Wert von 64 Mio. US$ an Privatpersonen und 25 Mio. US$ an den Agrarsektor ausgegeben. Auch die Anzahl der Bankautomaten im Land soll sich vergrößern. Derzeit gibt es 498 Geldautomaten in Kuba, davon 343 in Havanna. In diesem Jahr wurden nun 200 zusätzliche Geräte importiert.

Der Kern der Reform wird zunächst im Bereich der Abrechnungen zwischen Wirtschaftseinheiten, jedoch vorerst außerhalb der Spähre der Privathaushalte umgesetzt werden. Ebenso vom Tisch ist der diskutierte Ansatz einer sofortigen Umstellungen der Währungen. Stattdessen soll ein gradueller Prozess initiiert werden. Laut einigen von den Medien zitierten Experten soll sicher dieser über 18 Monaten hinziehen und eine Anpassung des 1:1 Verrechnungsprinzips beinhalten. Wie im ersten Teil dieses Artikels erläutert, werden Transaktionen zwischen Staatsbetrieben und anderen staatlichen Akteuren mit einem Wechselkurs von 1 CUP zu 1 CUC verrechnet. Nun soll der CUP je nach Sektor einen neuen Verrechnungswechselkurs erhalten und dadurch in der Wirtschaft abgewertet werden. Der ehemalige kubanische Zentralbanker Pavel Vidal gibt drei Beispiele für die neuen Verrechnungskurse an:

  1. Kleinbauern, die ihre Produkte neuerdings direkt an Hotels verkaufen dürfen, erhalten nunmehr 10 CUP für 1 CUC statt 7 CUP für 1 CUC wie noch im letzten Jahr.
  2. Die Zuckerindustrie erhält für Exporterlöse fortan 12 CUP für 1 CUC wobei die Importkosten mit 7 CUP für 1 CUC verrechnet werden. Öl aus Venezuela soll nun im Kurs 4 CUP für 1 CUC bezahlt werden.
  3. Auch die neuen Transportkooperativen können Importgüter wie Benzin, Reifen und andere Ersatzteile für 10 CUP zu 1 CUC einkaufen.

Für Vidal steht diese Form der Vereinheitlichung der Währungen ganz im Sinne der taktischen Umsetzung aller Reformen: Zunächst wird in begrenzten Bereichen experimentiert um die Ergebnisse später zu evaluieren und schließlich in optimierter Form auf die gesamte Volkswirtschaft zu erweitern. So können beispielsweise die Neubewertung von Aktiva und Verbindlichkeiten in einer kontrollierten Umgebung „simuliert“ und damit auf operativer Ebene neue Erkenntnisse erlangt werden.

Die Ankündigung der Abwertung des CUP im Bereichen der internen Verrechnungskurse spiegelt sich auch in der Reform des Managements der Staatsbetriebe wieder. Diese sollen ab nächstem Jahr ein größeres Maß an Autonomie erhalten. Ab 2014 können sie gut die Hälfte ihres Gewinns eigenständig verwalten, zudem erhalten sie die Möglichkeit in gewissen Toleranzgrenzen vom staatlichen Devisenplan abzuweichen. Eine Abwertung des CUP in Verbindung mit größerer Budgetautonomie bedeutet sowohl einen verstärkten Anreiz zur Steigerung der Exporte (sie erhalten mehr CUP für jeden verdienten CUC), als auch einen Anreiz zur Importsubstitution (Importe werden vergleichsweise teuer im Gegensatz zu inländischen Produkten). Gleichzeitig befindet sich die Umstrukturierung der Staatbetriebe in ihrer Endphase und es ist daher eine Entfaltung von Synergien zu erwarten. Laut dem kubanischen Ökonomen Juan Triana (Universität Havanna) sollen zusätzliche Fonds zur temporären Unterstützung von Betrieben, für die durch die Reform Verluste zu erwarten sind, eingerichtet werden.

Chancen und Risiken

Die positiven Effektive dieser Maßnahmen liegen auf der Hand: Die Betriebe sind in der Lage höhere CUP Gehälter zu zahlen, während gleichzeitig der Binnenmarkt und die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Exportsektors gestärkt wird. Zudem ist eine realistischere Bepreisung der Produkte möglich, da der interne Verrechnungskurs näher am tatsächlichen Wechselkurs liegt (welcher vermutlich aufgrund einer Unterbewertung des CUP wohl zwischen 18 und 24 CUP je 1 CUC zu bemessen ist). Letztlich erlaubt die Existenz einer einzigen Währung auch eine effektivere monetäre Makrosteuerung der verschiedenen Eigentumsformen (beispielsweise ein einheitlicheres Steuersystem, weniger Bürokratie) – und der CUP würde potentiell konvertibel werden.

Nichts desto trotz bringt eine solche Reform auch Gefahren mit sich. So fragt der Ökonom und gute Kenner der kubanischen Wirtschaft, Carmolo Mesa Lago, nicht zu Unrecht mit welchen Ressourcen die kubanische Regierung einen Anstieg der Löhne ohne Kaufkraftverlust abzufedern gedenkt und eine Inflation verhindern will. Woher sollen die zusätzlichen CUP kommen, die in Zirkulation gebracht werden müssen – angesichts der Tatsache, dass sich die Regierung eine systematische Rückzahlung und Deckelung der Verbindlichkeiten zum Ziel gesetzt hat? Zudem ist es unausweichlich, die Subventionen für Konsumgüter des Grundbedarfes welche in CUP verkauft werden drastisch zu reduzieren, wenn der CUP seine Funktion als Zahlungsmittel zurückerlangen soll – die ohnehin angestrebte Abschaffung der Rationierungskarte „Libreta“ muss somit ebenfalls fokussiert werden. Wie die kubanische Regierung diesen Schritt jedoch umsetzen will, ist fraglich. Raúl Castro erklärte hierzu, dass in Zukunft Menschen, nicht Produkte subventioniert werden würden. Die kubanische Subventionspolitik muss also künftig vollkommen neu gedacht werden, da sie nicht mehr alle Teile der Bevölkerung gleichermaßen erreichen wird. Es müssen neue Methoden und Indikatoren zur Bedarfsermittlung entwickelt werden, die langfristig in dem Aufbau eines Sozialversicherungssystems münden könnten.

Auch werden für die Dauer des Umstellungsprozesses wohl auch die ausländischen Investitionen rückläufig sein, wobei hier energisch versucht wird, mit der neuen Sonderwirtschaftszone in Mariel durch steuerliche Vergünstigungen gegenzusteuern.
Insgesamt ist der Zeitpunkt der Reform im allgemeinen Zusammenhang der Aktualisierung des Wirtschaftsmodells gut gewählt. Dennoch bleibt es fraglich, in welchem Zeitrahmen und durch welche konkreten Schritte die Reform umgesetzt wird. Auch die Frage nach einer Aufwertung des Wechselkurses für die Privathaushalte und der zukünftigen Kaufkraft des CUP, bleibt offen. Spätestens in einem Jahr dürften sich einige Antworten finden lassen.

Der Autor: Maximilian Vorast studiert Betriebswirtschaftslehre an der dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) und macht derzeit ein Praktikum in Großbritannien. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich Finance / Controlling sowie im Personalwesen, wobei er sich besonders für Anreizsysteme in sozialistischen Ökonomien interessiert. Er bereiste Kuba zum ersten Mal im Jahr 2012 und wirkte bereits an dem hier publizierten Reisebericht mit.